Wetter und Klima in Deutschland – SG #226

Wetter und Klima in Deutschland – SG #226

Angenommen, du triffst einen Menschen, den du noch nicht gut kennst. Dann redest du mit ihm natürlich nicht über deine privatesten Träume und Wünsche, sondern eher über allgemeine Themen. Sehr beliebt ist es, in dieser Situation über das Wetter zu sprechen.

Zunächst einmal gibt es natürlich die Temperatur. Findest du es sehr heiß heute, oder vielleicht auch sehr kalt? Die Hitze kann drückend sein, sie kann dich antriebslos werden lassen und müde. Klirrende Kälte kennen wir in Deutschland allerdings auch sehr gut. Du sagst also zu deinem Gegenüber zum Beispiel „Ganz schön heiß heute, oder?“ oder „Ganz schön kalt heute, oder?“ Zwei Worte, die dazu gehören sind „schwitzen“ und „frieren“. Du schwitzt, wenn dir heiß ist. Du frierst, wenn dir kalt ist.

Dann kommen wir zu Wolken und Sonne. Du kannst sagen: „Ein schöner Tag, die Sonne scheint!“ oder „Schönes Wetter heute, oder?“ Bei schlechtem Wetter und Wolken sagst du einfach: „Schade, es ist bewölkt“.

Und dann kommen wir zum Niederschlag, das ist also all das Wasser, das aus dem Himmel kommt. „Es regnet schon den ganzen Tag!“ kannst du dich beschweren. Oder „Heute morgen hat es sogar geschneit!“. Vielleicht ziehen auch dunkle Wolken auf. Dann sagst du „Ich fürchte ein Gewitter zieht auf.“ oder „Da braut sich was zusammen“. Das finde ich eine besonders schöne Redewendung. Etwas brauen sagt man eigentlich, wenn man Bier herstellt. Wenn sich etwas zusammenbraut dann ist das sozusagen die große Himmelsküche, in der die dunklen Wolken entstehen. Vielleicht sagst du dann auch „Ein Sturm zieht auf“. Ein Sturm ist ein gewaltiges Gemisch aus starkem Wind, oft Regen und auch Gewittern.

Beim Wetterbericht, der zum Beispiel jeden Abend im Fernsehen gezeigt wird und uns vorhersagt, wie das Wetter am nächsten Tag wird, gibt es noch einige andere Faktoren. Zum Beispiel geht es dann um die Luftfeuchtigkeit und den Luftdruck. Ich mag zum Beispiel gar nicht, wenn die Luftfeuchtigkeit in unserem Haus im Winter sinkt. Die Luft wird trocken, weil die Heizung ihr die Feuchtigkeit entzieht. Das tut mir gar nicht gut. Den Luftdruck kann ich mit einem Barometer messen. Auch die Windstärke wird mit speziellen Instrumenten gemessen.

Hier in Bayern haben wir übrigens noch ein ganz besonderes Wetter-Phänomen: Den Föhn. Das ist ein warmer Wind, der über die Alpen zu uns kommt. So haben wir manchmal sehr klare Sicht und warmes Wetter, obwohl es ein paar hundert Kilometer ganz anders aussieht.

Das Klima ist natürlich etwas anderes als das Wetter. Beim Wetter geht es um eine Momentaufnahme. Um das, was Sonne und Wolken gerade so machen. Beim Klima schauen wir uns die großen Entwicklungen an.

Deutschland liegt in der kühlgemäßigten Klimazone. Wir haben sowohl das maritime Klima aus Westeuropa, also den Einfluss des Meeres, als auch das kontinentale Klima aus Osteuropa. Aus dem Westen kommt oft milde Meeresluft vom Atlantik nach Deutschland. Ganz im Westen des Landes gibt es daher nicht so kalte Winter. Die tiefste bestätigte in Deutschland gemessene Temperatur waren -37,8 Grad in Bayern im Jahr 1929. Die höchste Temperatur 2019 in Niedersachsen mit 42,6 Grad. Ich kann hier in München, also in Bayern, sagen, dass wir im Sommer bis zu 30 Grad haben und im Winter bis minus 15. Kälter und wärmer wird es selten.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg226kurz.pdf

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk – SG #225

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk – SG #225

In Deutschland gibt es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es ist ein tolles System, wie ich finde – aber es wird momentan oft kritisiert. Daher erzähle ich dir heute davon.

Ich nehme dich erstmal wieder mit in die Vergangenheit. Wie so oft in der deutschen Geschichte geht es um den Zweiten Weltkrieg und um die Nazis. Der Krieg ist endlich vorbei und Deutschland ist in vier Teile aufgeteilt. Die Gewinner des Krieges werden die sogenannten „Besatzer“. Die Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und die USA sind jetzt in Deutschland. Es gibt viel zu tun, die alten Nazis müssen natürlich bestraft werden, aber es gibt noch eine Sache, die wichtig ist: Die Demokratisierung Deutschlands. Und dazu gehören auch die Medien. Während des Krieges hatten die Nationalsozialisten komplett alle Medien übernommen. Es gab nur noch Propaganda und keinen freien Journalismus mehr, denn dieser hätte ja das System kritisiert. Eine freie Presse ist aber wichtig für die Demokratie. Also musste so ein freies System aufgebaut werden.

Als Vorbild nahm man sich die britische BBC. Der britische Journalist Hugh Greene wurde der Leiter des neuen Radiosenders „Nordwestdeuscher Rundfunk“, der im September 1945 in Hamburg auf Sendung ging. Langsam wurden weitere Rundfunkanstalten aufgebaut, der Bayerische Rundfunk in Bayern, kurz BR genannt, der Hessische Rundfunk in Hessen, kurz HR genannt und noch einige weitere. 1950 schlossen sich sechs solche Rundfunkanstalten zur ARD zusammen, die es heute noch gibt. Und ab 1963 gab es dann noch das ZDF, das zweite deutsche Fernsehen.

Jetzt erstmal die Frage: Warum so viele Radiosender? Das ist ganz einfach zu beantworten: Damit es nicht wieder eine Gleichschaltung gibt. Wenn es also nur einen Radiosender für ganz Deutschland gibt dann ist die Gefahr groß, dass die Politik diesen wieder beeinflussen kann. So aber sind viele Sender unabhängig voneinander – und bleiben dadurch leichter unabhängig. Ihre Aufgabe ist es, die Menschen in Deutschland zu informieren. Mittlerweile machen sie aber viel mehr als das, sie unterhalten uns nämlich vor allem auch.

Diese Unabhängigkeit wurde auch extra als Auftrag festgeschrieben. Er muss staatsfern und unabhängig sein. Unabhängig übrigens auch von Firmen. Und damit das klappt, dürfen sie während der Woche bis 20 Uhr nur 20 Minuten Werbung ausstrahlen. Danach gibt es gar keine Werbung, außer eventuell Sponsoring.

Heute gibt es in Deutschland neun Landesrundfunkanstalten. An der Spitze jeder Landesrundfunkanstalt steht ein Intendant oder eine Intendantin, das ist also der Chef oder die Chefin. Diese Landesrundfunkanstalten betreiben 74 Radiosender und 21 Fernsehsender, darunter auch einen Kanal nur für Kinder. Die größten und bekanntesten Fernsehsender sind das ZDF und „Das Erste“, in dem beispielsweise auch die „Tagesschau“ läuft und der „Tatort“, der beliebte Fernsehkrimi. Die „Tagesschau“ ist die beliebteste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen, und sie hat eines der größten Korrespondentennetzwerke der Welt mit 100 Funk- und Fernsehkorrespondenten also Reportern in 26 Ländern. Auch die Serie „Der Tatortreiniger“ kommt aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, genauer gesagt vom NDR.

Die meisten der Radiosender senden nur in einem Bundesland, sie sind also regional. Dazu gibt es noch den Deutschlandfunk für ganz Deutschland und die Deutsche Welle für die ganze Welt. Neben Fernsehen und Radio gibt es natürlich noch viele Angebote im Internet.

46.000 Menschen arbeiten beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich arbeite auch dort, allerdings bin ich nicht fest angestellt, sondern eine sogenannte „feste Freie“. Ich bekomme also Urlaubsgeld und soziale Leistungen, kann aber jederzeit aufhören, dort zu arbeiten.

Zurück zum System. Bis hierhin klingt das alles ganz gut, oder? Jetzt kommen wir zum Geld, und das ist der Haupt-Kritikpunkt. Zum einen verdienen die Rundfunkanstalten natürlich durch Werbung ihr Geld – wobei das wie vorhin schon gesagt recht wenig ist. Zum anderen muss jeder Haushalt in Deutschland Rundfunkgebühren bezahlen, das sind derzeit 17,50 Euro im Monat. 2021 soll er auf 18,36 Euro steigen. Einigen Menschen ist das zu viel, vor allem weil sie behaupten, dass sie die öffentlich-rechtlichen Angebote nicht nutzen. Oft ist ihnen aber gar nicht klar, was alles dazugehört, beispielsweise eben auch YouTube-Videos oder Facebook-Kanäle. Auf slowgerman.com empfehle ich Dir ein paar Sendungen. Klar ist: Die älteren Menschen in Deutschland nutzen das normale Fernsehen viel öfter als die jüngeren. Denn da spielt das Internet eine wichtigere Rolle.

Wichtig ist: Durch die Art der Finanzierung wird auch wieder der Staat herausgehalten – er kann die Sender nicht beeinflussen, weil er ihnen kein Geld gibt. Das Geld kommt von uns Bürgerinnen und Bürgern.

Und es ist viel Geld: 9,1 Milliarden Euro pro Jahr. Natürlich braucht man das nicht nur, um Programm zu machen. Große Posten sind beispielsweise die Altersversorgung der Mitarbeiter und die Angestellten der Verwaltung. Dann gibt es noch viel Geld für die Technik auszugeben, denn so einen Sender zu haben ist nicht billig. Und es wird Geld ausgegeben für Sport-Lizenzen, um beispielsweise wichtige Fußballspiele zu übertragen. Es muss gespart werden, das merke ich auch bei meiner Arbeit. Es sollte mehr Geld ausgegeben werden für Information, weniger für Unterhaltung. Das ist meine persönliche Meinung. Aber das System an sich ist richtig und wichtig. Wir brauchen ein unabhängiges journalistisches Medium in Deutschland.

Vor allem rechtspopulistische Politiker:innen sind gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und das ist aus meiner Sicht auch verständlich. Denn die Journalist:innen kritisieren sie natürlich öffentlich. Es wäre viel einfacher, die Menschen zu beeinflussen, wenn es da keine Gegenstimmen aus dem Radio gäbe.

Zum Schluss noch ein wichtiger Punkt, der Rundfunkrat. Das ist ein Gremium, das die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Sender überwachen muss. Im Rundfunkrat sitzen ganz unterschiedliche Menschen, zum Beispiel Vertreter:innen von politischen Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Frauenverbänden. Das soll ein Querschnitt der Bevölkerung sein. Höchstens ein Drittel darf etwas mit dem Staat zu tun haben, das hat das Bundesverfassungsgericht 2014 beschlossen.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg225kurz.pdf

Gut erklärt wird das System in diesem Video:
https://www.youtube.com/watch?v=_hcvUfc2Lww

Das hier ist mein Lieblingskanal der öffentlich-rechtlichen Sender bei YouTube:
https://www.youtube.com/channel/UCyHDQ5C6z1NDmJ4g6SerW8g

Mehr Mai gibt’s hier:
https://www.youtube.com/c/Quarks

Beste Kindersendung (auch für Erwachsene):
https://www.wdrmaus.de/

Nachrichten in der Tagesschau:
https://www.tagesschau.de/

Der John Oliver aus Deutschland: Jan Böhmermann:
https://www.zdf.de/comedy/zdf-magazin-royale

Die ARD Mediathek:
https://www.ardmediathek.de/ard/

Babylon Berlin:
https://www.ardmediathek.de/ard/sendung/babylon-berlin-oder-staffel-1-3/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2JhYnlsb24tYmVybGlu/

Und hier wird das System nochmal erklärt:

Quellen:
https://sites.google.com/view/quellenoer/startseite

Das Zukunftsdorf Feldheim – SG #224

Das Zukunftsdorf Feldheim – SG #224

Manchmal muss man sich gute Nachrichten suchen, damit die Welt nicht ganz so schlimm aussieht. Das habe ich heute getan. Ich habe etwas über das Dorf Feldheim in Brandenburg gelesen. Dieses Dorf ist winzig, es hat nur 130 Einwohner. Aber es ist trotzdem etwas ganz besonders. Und das ist zwar heute nur eine sehr kurze Geschichte, aber ich möchte sie dir trotzdem erzählen.

Feldheim ist nämlich ein Dorf, das energieautark ist. Das bedeutet: Es versorgt sich selbst mit Strom und Wärme. Es braucht kein Erdöl, kein Erdgas, keinen Strom aus einem Atomkraftwerk oder so etwas – es benutzt vor allem erneuerbare Energien. Feldheim ist der einzige Ort in Deutschland, der das geschafft hat. Und so fing das alles an:

Kurz nach der Wende, also nach der Deutschen Wiedervereinigung von Ost und West vor mittlerweile 30 Jahren, kam ein Student in dieses Dorf. Sein Name war Michael Raschemann. Und der hatte die Idee, in Feldheim Windräder aufzustellen. Die Menschen im Dorf überlegten kurz und sagten dann: Ja, das können wir probieren. Und sie stellten vier Windräder auf.

Später entstand ein ganzer Windpark und heute hat das Dorf 60 Windräder. So kann Feldheim seinen eigenen Strom erzeugen. Es ist unabhängig von den großen Strom-Konzernen. Der Strom ist zudem absolut umweltfreundlich erzeugt. Und der Strom ist nur ungefähr halb so teuer wie „normaler“ Strom in Deutschland. Einen Stromausfall gab es übrigens noch nie.

Aber den Feldheimern war das noch nicht genug. Sie überlegten, wie sie ihre Häuser heizen können ohne Heizöl oder Erdgas zu verbrauchen. Also wurde 2009 aus einer Biogasanlage in der Nähe die Wärme durch Leitungen in den Ort verlegt. Jedes Haus bekommt seither die Wärme der Biogasanlage geliefert. In einer Biogasanlage werden Mais und Gülle zu Gas und damit dann auch zu Strom und Wärme umgewandelt.

Außerdem gibt es im Ort ein Holzhackschnitzel-Kraftwerk, in dem Reste aus der Holzverarbeitung verbrannt werden, um Energie zu erzeugen. Geplant ist auch eine Photovoltaikanlage, um die Sonnenenergie zu nutzen. Die bisherigen Energiequellen wurden zu einem Versorgungsnetz geknüpft – und eine Elektrotankstelle gibt es auch in Feldheim.

Mittlerweile ist Feldheim eine Touristenattraktion. 3000 Besucher kommen jedes Jahr aus der ganzen Welt hierher, um von den Feldheimern zu lernen. Und der Student von damals ist immer noch in Feldheim und hat heute eine große Firma, mit der er in der ganzen Welt Windkraftanlagen baut.

Noch eine schöne Geschichte zu Feldheim: Für jeden neu geborenen Bürger und jede Bürgerin pflanzt das Dorf einen Baum.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg224kurz.pdf

Arm und reich in Deutschland – SG #223

Arm und reich in Deutschland – SG #223

Wie arm oder reich sind die Menschen in Deutschland? Ich habe es herausgefunden. Allerdings sind die Zahlen von 2017. Sie stammen aus dem 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Also: 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leben in Armut oder an der Armutsgrenze. Das sind ungefähr 13 Millionen Menschen. Oft sind das kranke und alte Menschen, Menschen ohne Arbeit oder Familien mit vielen Kindern. Besonders betroffen sind auch Alleinerziehende, also Vater oder Mutter, die alleine mit den Kindern leben. Leider sind 19 Prozent aller Kinder arm, das ist also jedes fünfte Kind in Deutschland.

Aber was heißt denn überhaupt „arm“? Immerhin ist so etwas immer relativ. Denn Deutschland ist ein wohlhabendes Land, wenn man es mit vielen anderen Ländern der Erde vergleicht. Also berechnen wir aus allen Menschen in Deutschland erst einmal einen Durchschnitt. Wer dann viel weniger hat als diesen Durchschnitt, den nennen wir arm. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sagt, wenn ein Mensch weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens seines Landes hat, dann ist er arm. Die Berechnungen der Bundesregierung definieren Armut mit weniger als 60% des mittleren Einkommens.

Ein Beispiel mit Zahlen: 2015 war man in Deutschland arm, wenn man weniger als 12.192 Euro pro Jahr verdiente. Netto, also nach Abzug von Steuern und Abgaben. Reich war man mit 40,639 Euro netto pro Jahr.

In Deutschland lag die Armutsgrenze im Jahr 2018 für einen Erwachsenen bei 1135 Euro Einkommen pro Monat. Hungern muss in Deutschland kaum jemand, es gibt soziale Hilfen. Aber arme Menschen sind öfter krank und sterben früher, Frauen acht und Männer elf Jahre früher.

Sorgen macht mir, dass es immer mehr arme Menschen gibt. Und immer mehr reiche Menschen. Was weniger wird, ist die Mittelschicht. Also die Menschen, die ein mittleres Einkommen haben, denen es eigentlich ganz gut geht.

Die Menschen in Ostdeutschland sind sechs Mal so häufig von Armut betroffen wie die in Westdeutschland. Und so richtig reich sind vor allem Männer im Westen: 95 Prozent der Reichen sind Männer, die im Westen leben. 1,35 Millionen Menschen in Deutschland besitzen mindestens eine Million Euro. Und 2400 davon haben mehr als 100 Millionen Dollar.

Bleiben wir kurz bei den Reichen. Das reichste Prozent der Deutschen hat 35% des Gesamtvermögens auf ihrem Konto. Einem hundertstel der Menschen gehören also ein Drittel der Gelder. Wenn wir die obersten zehn Prozent nehmen, dann sind es sogar zwei Drittel des Vermögens.

Die reichsten Deutschen sind Beate Heister und Karl Albrecht Jr. und die Familie Theo Albrecht. Alle drei haben ihr Geld dem Lebensmittel-Discounter Aldi zu verdanken. Danach kommt Dieter Schwarz, ebenfalls Lebensmittel. Er ist die reichste Einzelperson Deutschlands mit einem geschätzten Vermögen von 41,5 Milliarden Euro. An Platz vier ist die Familie Reimann, von der ich ehrlich gesagt noch nie gehört hatte. Dahinter steckt die Chemiefirma Benckiser. Und an Platz 5 der reichsten Deutschen steht Susanne Klatten, die BMW-Erbin.

Bis 1996 gab es in Deutschland eine Vermögenssteuer. Besonders reiche Menschen mussten also einen Teil ihres Vermögens abgeben. Dann entschied allerdings das Bundesverfassungsgericht, dass das nicht gerecht sei: Die Menschen müssen laut dem Grundgesetz gleich behandelt werden.

Ich würde mir wünschen, dass viele der besonders reichen Menschen einen großen Teil ihres Vermögens abgeben. Freiwillig. Dass sie damit Gutes tun, arme Menschen unterstützen, für Bildung sorgen oder für gesundheitliche Aufklärung oder Forschung. Manche tun das – die meisten aber tun es nicht.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg223kurz.pdf

Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ – SG #222

Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ – SG #222

Die Geschichte der Titanic kennst du sicher. Aber kennst du auch die Geschichte der „Wilhelm Gustloff“? Das war ein deutsches Schiff, das von einem U-Boot angegriffen wurde und sank. Zwischen 4000 und 9000 Menschen kamen ums Leben. Ich erzähle dir die ganze Geschichte.

Das Schiff wurde in Deutschland gebaut und war 1938 fertig. Adolf Hitler war bei der Schiffstaufe dabei. Es wurde auf den Namen „Wilhelm Gustloff“ getauft, das war kurz gesagt ein Nazi. Das Schiff war für den Transport von Menschen gedacht. Es hatte Kabinen mit Kleiderschrank, Waschbecken mit fließendem Wasser, Tisch und Stühlen und einem Sofa. Toiletten, Duschen und Badewannen waren außerhalb der Kabine und wurden von verschiedenen Menschen benutzt. Man teilte sich also das Bad.

Außerdem hatte das Schiff noch ein Schwimmbad und einen Aufenthaltsraum, eine Turnhalle, eine Musik- und Theaterhalle, Speisesäle und eine eigene Bäckerei und Schlachterei. Es war also wie du dir vorstellen kannst ein großes Schiff. 208 Meter lang und 23 Meter breit. Zum Vergleich: Die Titanic war ungefähr 60 Meter länger und 5 Meter breiter.

Jetzt musst du dir vorstellen, dass die Welt gerade auf den Zweiten Weltkrieg zusteuert. Die Nazis werden immer mächtiger. Sie schicken die „Wilhelm Gustloff“ 1938 nach London. Dort soll es die in England lebenden Deutschen besuchen und sie bei der Reichstagswahl wählen lassen. Danach fuhr das Schiff nach Portugal. Später ging es nach Italien, Norwegen, Spanien. Es war also einfach ein Kreuzfahrtschiff. Und dann begann der Krieg. Kreuzfahrten gab es nicht mehr. Die „Wilhelm Gustloff“ wurde zum Lazarettschiff. Ein Lazarett ist ein Krankenhaus im Krieg, in dem Verwundete gepflegt werden. Das Schiff transportierte Verletzte und wurde grau gestrichen, damit es sich besser tarnen konnte, also nicht so gut sichtbar war.

Und jetzt schauen wir nach Ostpreußen. Das ist ein Gebiet, das heute zu Polen beziehungsweise Russland und Litauen gehört. Gegen Ende des verlorenen Krieges wurden die Menschen von dort evakuiert. Man brachte sie nach Deutschland. Die „Wilhelm Gustloff“ half mit und transportierte viele Menschen. Am 30. Januar 1945 legte sie in Gotenhafen ab, sie hatte ungefähr 10.000 Passagiere an Bord. Ungefähr 8800 von ihnen waren Zivilisten, viele davon Kinder. Dazu noch Soldaten der Wehrmacht, einige von ihnen verwundet.

Vier Kapitäne waren an Bord. Sie wussten, dass es eine gefährliche Reise werden würde. Denn sowjetische U-Boote waren in dieser Region unterwegs. Was sollten sie tun? Sie überlegten, abgedunkelt zu fahren, also ohne Licht. Oder durch sehr flaches Wasser, wo die U-Boote nicht fahren konnten. Dafür war das Schiff aber zu schwer, es hatte zu viele Menschen geladen. Letztlich fuhren sie beleuchtet durch normal tiefes Wasser – und wurden am Abend von einem sowjetischen U-Boot gesichtet. Vier Torpedos wurden abgeschossen, drei davon trafen die „Wilhelm Gustloff“.

Das Schiff wollte einen Notruf senden, aber die Anlage war kaputt. Sie versuchten es über ein UKW-Funkgerät, das aber nicht sehr weit funken konnte. Die Notrufe wurden nicht gehört. Die „Wilhelm Gustloff“ schoss Leuchtsignale in die Luft, und das Begleitschiff „Löwe“ sah diese Signale. Es sendete den Notruf – aber auf der falschen Frequenz. Man kann also sagen dass viele unglückliche Zufälle dazu führten, dass die Notlage des Schiffes viel zu spät bemerkt wurde.

Die helfenden Schiffe konnten nur 1252 Menschen retten. Eine Stunde später sank das Schiff. Man weiß nicht genau, wie viele Menschen an Bord waren, da sie in Panik auf der Flucht waren, da gab es keine genaue Registrierung. Schätzungen gehen aber davon aus, dass 9000 Menschen bei diesem Unglück ums Leben kamen. Wie bei der Titanic gab es zu wenige funktionierende Rettungsboote. Außerdem war es -20 Grad kalt in dieser Nacht.

War es ein Verbrechen, dieses Passagierschiff zu versenken? Nein. Damals galt das Kriegsvölkerrecht. Die „Wilhelm Gustloff“ war eigentlich ein bewaffneter Truppentransporter, sie hatte also oft Soldaten an Bord. Die Besatzung des sowjetischen U-Boots konnte nicht wissen, dass auch viele Kinder an Bord waren. Der sowjetische Kapitän wurde 1990 nach seinem Tod der Orden „Held der Sowjetunion“ verliehen.

Und was wurde aus der „Wilhelm Gustloff“? Ihr Wrack liegt heute noch in 42 Metern Tiefe. Sie ist ein Seekriegsgrab und ein geschütztes Denkmal. Taucher haben 1979 die Schiffsglocke geborgen, sie also aus der Tiefe geholt. Sie steht heute in einem Museum.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg222kurz.pdf

Verschwörungsmythen und Verschwörungstheorien – SG #221

Verschwörungsmythen und Verschwörungstheorien – SG #221

Im Moment verbreiten sich Verschwörungsmythen in Deutschland. Früher nannte man das auch eine Verschwörungstheorie. Was ist das? Es geht darum, dass manche Menschen versuchen, einen Zustand durch eine Verschwörung zu erklären. Eine Verschwörung ist also eine bewusste Aktion einer kleinen Gruppe, die etwas Böses will. Aktuell tauchen diese Verschwörungsmythen vor allem im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie auf.

Anstatt auf die Wissenschaft zu hören, glauben einige Menschen, dass es Corona gar nicht gibt. Dass es sich einige reiche Menschen wie Bill Gates ausgedacht haben, um damit die Menschen zu Sklaven zu machen, durch Zwangsimpfungen oder durch einen implantierten Chip. Oder durch Chemtrails, diese Streifen, die Flugzeuge am Himmel verursachen.

Verschwörungsmythen sind nichts Neues. Es gab sie schon in der Antike. Antisemitische Verschwörungsmythen halfen mit, den Holocaust möglich zu machen. Hitler verbreitete Angst und Hass auf das von ihm so genannte „Weltjudentum“. Immer gibt es ein Feindbild in diesen Mythen. Immer wird Hass geschürt und Angst, um danach mit Gewalt auf die betroffene Gruppe reagieren zu können. In den USA gibt es bekannte Verschwörungstheorien um das Attentat auf John F. Kennedy oder die Anschläge auf das World Trade Center im Jahr 2001. Und weil wir heute das Internet haben, verbreiten sich solche Ideen viel schneller als früher.

Aber wie entstehen solche Ideen? Es ist eigentlich ganz einfach. Unser Gehirn sucht nach Zusammenhängen. So funktionieren wir nunmal. Wenn wir gestresst sind oder eine Situation für uns nicht erklärbar ist, suchen wir eine Lösung. Wir greifen ein paar Fakten auf und versuchen, diese in einen Zusammenhang zu bringen. Weil wir verstehen wollen, was passiert. Und dann liegt der Gedanke nahe, dass es „wir“ und „sie“ gibt. Also „wir hier unten“ und „die da oben“. Dass es Gut und Böse gibt. Dass irgendjemand uns steuert.

Solche Mythen entstehen vor allem in Zeiten, in denen wir eine Krise haben. Wenn wir uns bedroht fühlen und Angst haben. Wenn wir Dinge nicht verstehen können, weil sie zu kompliziert sind. Es ist eben viel einfacher daran zu glauben, dass ein Bösewicht hinter den Dingen steht, als einfach nur ein Zufall.

Es ist ein sehr spezielles Denken. Den Zufall gibt es für Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, nicht. Alles wird gesteuert, nichts passiert einfach so. Und auch die Dinge, die wir sehen und normal finden, sind nur eine Tarnung. Dahinter passiert etwas anderes, so denken die Verschwörungstheoretiker. Sie sind auf der Suche nach einer geheimen Wahrheit, die wir anderen, dummen Menschen einfach nicht sehen wollen. Sie suchen geheime Muster, sie denken, alles hängt miteinander zusammen. Alles hat einen Sinn.

Es gibt kleine Verschwörungstheorien und sehr große. Die kleine, an die vielleicht auch du glauben kannst, ist zum Beispiel die Idee, dass die Mondlandung nie stattgefunden hat. Dann gibt es Verschwörungen, die Erklärungen nicht glauben, zum Beispiel die offizielle Erklärung zum Mord an John F. Kennedy. Sie denken, dass noch etwas anderes dahinter steckt. Vielleicht ist das so – wer weiß. Aber dann gibt es die großen Verschwörungsmythen, die einfach wie Märchen klingen. Zum Beispiel, dass es außerirdische Wesen gibt, die uns beherrschen, die sogenannten Reptiloiden. Oder dass die Erde eine Scheibe ist. Ich persönlich kann nicht verstehen, wie man so etwas glauben kann.

Jetzt zu den modernen Verschwörungstheorien, die gerade unterwegs sind. Da gibt es die Leugnung des menschengemachten Klimawandels. Alle Fakten werden bestritten. Es wird behauptet, die Forscher würden ihre Ergebnisse fälschen. Menschen wie Donald Trump machen eifrig mit, solche Ideen zu verbreiten. Er schrieb in einem Tweet 2012, das Konzept des Klimawandels wäre „von den und für die Chinesen erfunden, um der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in den USA zu schaden“.

Auch Covid-19 wird nicht einfach als Seuche gesehen, sondern als biologische Waffe, die absichtlich erschaffen wurde. Dahinter sollen George Soros und Bill Gates stecken. Sie wollen damit die Überbevölkerung lösen, so wird behauptet. Andere sagen, der neue Mobilfunkstandard 5G wäre schuld an der Pandemie. Oder: Das Virus existiert gar nicht, wir sollen uns nur alle impfen lassen, damit die Mächtigen unsere Gedanken kontrollieren können.

Aber wem nützen solche Theorien und Mythen? Politikern. Trump hat zum Beispiel den Mythos benutzt, Obama sei nicht in den USA geboren. Er dürfe also gar nicht Präsident sein. Solche Mythen verunsichern die Wähler:innen. Populismus und Verschwörungsmythen passen gut zusammen.

Ich kann dir nur raten: Bitte teile keine Dinge, die nicht wissenschaftlich gesichert sind. Ja, manches klingt unglaublich und man möchte es weitergeben – aber zum Coronavirus sind beispielsweise ein Viertel aller YouTube-Videos mit falschen Fakten öffentlich. Bitte suche dir gute, verlässliche Quellen, und glaube nicht alles, was du liest.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg221kurz.pdf

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