Siegfried und Roy, Magier in Las Vegas – SG #235

Siegfried und Roy, Magier in Las Vegas – SG #235

Im Januar ist Siegfried Fischbacher gestorben. Letztes Jahr starb Roy Horn an Covid-19. Berühmt wurden sie nicht einzeln, sondern zusammen: Als das großartige Zauberer-Duo Siegfried und Roy. Ich möchte Dir heute ihre Geschichte erzählen.

Siegfried Fischbacher wurde hier in Bayern geboren, und zwar im Jahr 1939, also zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Sein Vater geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Als er zurückkehrte, war er Alkoholiker. Als Siegfried acht Jahre alt war, begann er mit kleinen magischen Kunststücken und versuchte so, die Aufmerksamkeit seines Vaters zu bekommen. Er wurde zum Weber und zog mit 17 Jahren nach Italien an den Gardasee. Dort arbetiete er als Kellner. Mit 20 Jahren heuerte er auf einem Passagierschiff namens „Bremen“ an.

Roy Horn hieß eigentlich Uwe Ludwig Horn. Er wurde 1944 in Niedersachsen geboren, war also 5 Jahre jünger als Siegfried. Mit 13 Jahren brach er die Schule ab und begann auf dem gleichen Schiff zu arbeiten – auf der „Bremen“. Dort lernten sich die beiden jungen Männer kennen.

Eigentlich sollten sie beide auf dem Schiff als Kellner arbeiten, aber sie liebten Zaubertricks. Also unterhielten sie damit die Passagiere. Der Kapitän des Schiffes bekam das mit und ordnete an, dass die beiden Jungs gemeinsam als Zauberkünstler auftreten sollten. Roy hatte sein „Haustier“ Chico an Bord geschmuggelt, einen Gepard. Der durfte nach einiger Zeit auch mit auftreten. Der Anfang ihrer Karriere.

Vier Jahre später gingen Siegfried und Roy von Bord und traten in deutschen Theatern auf. Danach ging es auf Tournee durch Europa. In Monte Carlo traten sie vor Fürstin Gracia Patricia auf – besser bekannt als Grace Kelly. Das war ihr internationaler Durchbruch. Von da an ging es steil bergauf, sie traten am Lido in Paris auf und in Las Vegas. Dort blieben sie, weil sie ein Engagement bekamen. Nach einigen Jahren waren sie die bestbezahlten Künstler in der Geschichte von Las Vegas.

Sie bekamen als Magier mehrere Auszeichnungen, gingen für zehn Monate nach Japan, um dort aufzutreten. In ihren sieben Jahren im New Frontier in Las Vegas traten sie über 3500 Mal auf, vor insgesamt mehr als drei Millionen Zuschauern. Später im Mirage feierten sie die größte und teuerste jemals inszenierte Bühnenshow. Sie waren die Könige von Las Vegas. Ihre Show war von Anfang an familienfreundlich, es gab keine nackten Frauen zu sehen, und das war in Las Vegas ungewöhnlich.

1988 wurden sie amerikanische Staatsbürger. Knapp zehn Jahre später bekamen sie einen Stern auf dem „Walk of Fame“ in Hollywood. 1996 feierten sie ihren 15.000. Auftritt in Las Vegas. Insgesamt haben 25 Millionen Menschen ihre Auftritte in Las Vegas gesehen. 2009 sah man sie zum letzten Mal gemeinsam auf der Bühne. 2003 hatte ein weißer Tiger Roy bei einer Show an seinem 59. Geburtstag verletzt. Der Zauberer wurde schwer verletzt und war danach teilweise gelähmt. Ein trauriges Ende der Karriere.

Aber genau durch diese Tiere sind Siegfried und Roy berühmt geworden. Sie machten nicht nur Zaubertricks und riesige Illusionen, sondern sie arbeiteten mit Tieren, die durch ihre Seltenheit magisch wirkten. Sie züchteten weiße Königstiger. Hinter den Kulissen waren Tiertrainer beschäftigt, um den Raubkatzen etwas beizubringen. Weiße Tiger, Löwen und Leoparden lebten mit den beiden Deutschen in Las Vegas. Die beiden Männer waren übrigens viele Jahrzehnte ein Paar, was aber erst in ihrer Autobiografie 2007 öffentlich gemacht wurde.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg235kurz.pdf

Der Rattenfänger von Hameln – SG #234

Der Rattenfänger von Hameln – SG #234

Ich habe überlegt, welche die wohl bekanntesten Geschichten und Sagen aus Deutschland sind. Über die Loreley habe ich dir schon etwas erzählt – aber vom Rattenfänger von Hameln noch nicht!

Also: Wir schreiben das Jahr 1284 und wir sind in einem kleinen Dorf, das in Niedersachsen liegt, ungefähr 50 Kilometer von Hannover entfernt. Es heißt Hameln. Die Geschichte geht so:

Eines Tages kam ein Mann in dieses Dorf. Er war sehr bunt gekleidet und trug eine Flöte bei sich. Sein Beruf: Rattenfänger. Sein Name ist nicht bekannt, genannt wurde er aber „Bunting“, wegen seiner Kleidung.

In Hameln freute man sich über seine Ankunft, denn das Dorf war von Ratten und Mäusen geplagt. Sie sprangen am helllichten Tag auf Stühlen und Tischen herum, versteckten sich in Ecken und Gassen und waren einfach überall.

Also versprach man ihm viel Geld, wenn er das Problem lösen könnte. Der Rattenfänger zückte also seine Flöte und begann zu spielen. Sein Flötenspiel war so bezaubernd, dass die Ratten und Mäuse erstaunt aufhorchten. Sie folgten ihm. Der Rattenfänger spielte weiter und ging langsam aus dem Dorf hinaus und hinunter zur Weser. Das ist ein Fluss, der durch Hameln fließt. Er ging also hinein ins Wasser, und die Tiere folgten ihm. Weil sie nicht schwimmen konnten, ertranken sie im Fluss. Und Hameln war diese Plage endlich los!

Anstatt dem Mann aber dankbar zu sein und ihm sein Geld zu geben, verweigerten sie ihm den Lohn. Wütend ging der Mann davon. Aber er kam wieder. Diesmal an einem sehr frühen Sommermorgen. Er sah verändert aus, wie ein Jäger. Er fing wieder an, eine schöne Melodie zu pfeifen. Dieses Mal aber lockte er nicht Ratten und Mäuse aus den Häusern, sondern die Kinder des Dorfes. Sie folgten ihm, und er führte sie weg. Ein Kindermädchen sah es und erzählte den anderen Eltern davon. Doch so sehr sie auch suchten: Der Mann und die Kinder wurden nie wieder gesehen. Nur zwei Kinder kamen zurück, aber da das eine nicht reden konnte und das andere blind war, konnten sie nicht erklären, was aus den anderen Kindern geworden war. Das war also die Rache des Mannes: Er nahm den Menschen von Hameln ihre Zukunft.

Diese düstere Geschichte kennen viele Menschen auf der ganzen Welt. Die Gebrüder Grimm haben sie bekannt gemacht. Sie schrieben die Geschichte 1816 in ihrem Buch der Deutschen Sagen auf. Goethe hielt sie 1802 in einem Gedicht fest. Und auch Bertolt Brecht dichtete etwas dazu. Die Internetseite der Stadt Hameln hat übrigens all diese Originaltexte und Übersetzungen in verschiedene Sprachen parat.

Ist es wirklich nur eine Geschichte, oder gibt es eine historische Wahrheit dahinter? Das ist schwer zu sagen. Vermutet wird, dass hier zwei Geschichten verknüpft wurden. Wahrscheinlich ist der Teil mit den Ratten eine erfundene Geschichte. Denn Ratten und Mäuse scheinen nicht auf Flötentöne zu reagieren.

Aber den Auszug der Kinder könnte es gegeben haben. In dieser Zeit versuchte man, Menschen aus Deutschland im Osten anzusiedeln. Vielleicht waren die Kinder also nach Siebenbürgen, Mähren oder Pommern ausgewandert. Vielleicht gingen sie nicht ganz so weit – denn in Brandenburg gibt es viele Gemeinden, die einen ähnlichen Namen haben wie Hameln. Möglicherweise wanderten also junge Menschen aus Hameln nach Osten aus und ließen sich dann in Brandenburg nieder. Zur Erinnerung benannten sie die Orte dann nach ihrer alten Heimat. Eventuell machte der Rattenfänger einfach Werbung für den Umzug. Klingt nachvollziehbar, finde ich.

Noch heute lebt die Sage in der kleinen Stadt Hameln weiter – sie nennt sich auch offiziell die „Rattenfängerstadt Hameln“. Die Figur des Rattenfängers ist auf der Internetseite zu sehen und in Kunstwerken. Männer führen Touristen als Rattenfänger durch die Stadt. 57.000 Einwohner hat sie übrigens heute. Ein Haus heißt auch „Rattenfängerhaus“. Es steht an der Bungelosenstraße. Durch diese Straße soll der Rattenfänger die Kinder geführt haben. Bis heute ist daher in dieser Straße Tanz und Musik verboten. 2014 wurde die Sage sogar von der UNESCO als Kulturerbe anerkannt.

Die Figur des Rattenfängers taucht in Comics, Kunstwerken und Musikstücken auf. Und es ist auch ein Wort geworden, das wir heute noch verwenden: Wenn jemand viele Menschen in seinen Bann zieht, sie sozusagen verführt, dann ist er ein Rattenfänger. Das wird zum Beispiel von manchen Politikern gesagt.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg234kurz.pdf

Teekesselchen – Wörter mit zwei Bedeutungen – Homonyme – SG #233

Teekesselchen – Wörter mit zwei Bedeutungen – Homonyme – SG #233

Heute erzähle ich dir etwas über die deutsche Sprache. Und zwar über Wörter, die genau gleich gesprochen und geschrieben werden, aber in verschiedenen Zusammenhängen etwas ganz Unterschiedliches bedeuten. Ich erkläre dir, was Teekesselchen und Homonyme sind. Diesen Text hat Matthias Knuth geschrieben, ich verlinke Dir seine Seite auf slowgerman.com. Ich habe den Text etwas abgeändert und erweitert.

Also, es geht um Wörter, die mehrere Bedeutungen haben. Zum Beispiel eine Bank, auf der man sitzen kann, und eine Bank, bei der man ein Konto hat. Oder ein Schloss in der Haustür, in das ich einen Schlüssel stecken kann, und ein Schloss, in dem früher einmal ein König oder Fürst gewohnt hat, also ein Gebäude.
In der Sprachwissenschaft werden solche Wörter “Homonyme” genannt. Das Tolle daran: Wir können mit solchen Wörtern gut spielen. Beispielsweise können wir ein Ratespiel mit diesen Wörtern machen, das man in Deutschland “Teekesselchen” nennt. Oder wir können für ein Thema absichtlich eine Überschrift wählen, die zwei Bedeutungen haben kann. Das kommt oft in der Werbung vor, aber auch bei Hashtags auf Twitter. Man erzielt damit mehr Aufmerksamkeit, weil die Leute für einen Augenblick darüber nachdenken müssen, was gemeint ist.

Ein weiteres solches Wort mit zwei Bedeutungen ist “Schimmel”. Ein weißes Pferd nennt man “Schimmel”. Aber Schimmel ist  auch der Belag auf verdorbenen Lebensmitteln, der von Schimmelpilzen hervorgerufen wird. Wahrscheinlich kommt die Bezeichnung “Schimmel” für ein weißes Pferd sogar daher, dass diese Pferde nicht weiß geboren werden. Aufgrund eines besonderen Gens werden sie im Laufe ihres Lebens allmählich weiß, als ob sie von Schimmel überzogen würden wie ein Käse oder ein Stück altes Brot.

An was denkst du, wenn du an das Wort „Flügel“ denkst? Wahrscheinlich an einen Vogel, oder? Ein Vogel hat zwei Flügel, mit denen er fliegen kann. Aber auch dieses Wort ist ein Homonym, und zwar heißt auch ein großes Klavier „Flügel“. Und auch unser Planet, die Erde, ist ein Homonym. Denn in der deutschen Sprache grabe ich beispielsweise in der Erde, wenn ich im Garten arbeite. Da grabe ich nicht im ganzen Planeten, sondern in der braunen Masse, die wir auch Erde nennen.

Bleiben wir im Garten. Du weißt vielleicht, dass ich ein paar Bonsai als Hobby habe. Zum Beispiel eine Kiefer. Na, merkst du was? Genau, wieder ein Homonym. Denn nicht nur der Nadelbaum mit den langen Nadeln heißt Kiefer, sondern auch der große Knochen in unserem Gesicht. Was fällt mir noch ein? Der Ball zum Beispiel. Das kann ein rundes Sportgerät sein, also beispielsweise ein Fußball, aber ich kann auch auf einen Ball gehen – dann ist der Ball eine Veranstaltung, bei der getanzt wird. Und bei einer Birne denken zumindest die älteren von uns an eine Glühbirne und an ein Stück Obst. Die jüngeren kennen wahrscheinlich nur noch LED-Lampen, oder?

Du merkst aus diesen Beispielen, dass du keine Angst vor Homonymen haben musst. Denn auch wenn das Wort alleine mehrere Bedeutungen hat, wird aus dem Zusammenhang schnell klar, ob es sich um eine Bank mit Geld oder eine Bank mit Sitz handelt.
Spielen wir jetzt noch ein bißchen Teekesselchen?

Also: 
Mein Teekesselchen ist oben an jedem Zimmer dran.
 Mein Teekesselchen hält mich im Bett schön warm.
 Die Antwort ist: Die Decke.
Oder: 
Mein Teekesselchen ist sehr lästig, vor allem für Kühe.
 Mein Teekesselchen ist eine gute Alternative zur Krawatte.
 Die Antwort ist: Die Fliege.
Mein Teekesselchen ruft morgens auf dem Misthaufen, damit alle aufwachen.
 Mein Teekesselchen gibt mir immer frisches Wasser.
 Die Antwort ist: Der Hahn.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg233kurz.pdf

Das rätselhafte Findelkind Kaspar Hauser – SG #232

Das rätselhafte Findelkind Kaspar Hauser – SG #232

Heute erzähle ich dir die Geschichte von Kaspar Hauser. Ein junger Mann taucht plötzlich in Nürnberg auf, am 26. Mai 1828. Er ist ungefähr 16 Jahre alt. Der Junge wirkt geistig zurückgeblieben, redet wenig und hat zwei Briefe in der Hand. Er sagt: Er möchte ein Reiter werden wie sein Vater.

Er wird zur Polizei gebracht. Wer ist er? Wo kommt er her? Er spricht bayerischen Dialekt und hat eine Narbe von der Pocken-Impfung. Also vermutet man, dass er aus Oberbayern kam. Vielleicht aus Regensburg. Oder vielleicht auch aus Tirol, also aus Österreich. Genauer wird man es nie erfahren. Man bittet ihn, seinen Namen zu schreiben, und er schreibt: Kaspar Hauser.

In den Gesprächen erzählt er langsam mehr von sich. Er habe seine Kindheit und Jugend in einem dunklen Verlies verbracht, das nur mit Stroh ausgelegt war. Es sei sehr niedrig gewesen, er habe dort kaum stehen können. Ernährt habe er sich nur von Wasser und Brot. Andere Menschen habe er nie gesehen oder mit ihnen gesprochen. Zur Beschäftigung habe er nur ein kleines Holzpferd gehabt.

Saubergemacht wurden das Verlies und er selbst nur, wenn er schlief. Er bekam es nie mit. Ein Eimer war seine Toilette.

Kaspar Hauser wird erstmal wieder eingesperrt, und zwar im Gefängnisturm. Die Menschen machen Experimente mit ihm. Juristen, Theologen und Pädagogen interessierten sich für ihn. Ein Lehrer, sein Name ist Georg Friedrich Daumer, kümmert sich um ihn und Kaspar Hauser fängt sehr schnell an, lesen und schreiben zu lernen. Er beginnt zu malen und ist begabt. Er schreibt auch Gedichte.

Die Leute beginnen zu spekulieren: Ist er vielleicht ein Prinz? Ein Adeliger? Ein Thronerbe, den man loswerden wollte? Es wird recherchiert, welche Adeligen um das Jahr 1812 ein Kind verloren haben. Man wird fündig: In Baden soll ein adeliges Kind gestorben sein. War es ausgetauscht worden? War Kaspar das Kind dieser Adeligen, das mit einem kranken Kind vertauscht wurde? Das wäre politisch möglich gewesen, weil dann eine andere Familie den Thron geerbt hätte. Heute ist diese Theorie unwahrscheinlich. Damals wurde sie aber so kontrovers diskutiert, dass sogar der bayerische König seine Meinung dazu sagte.

Kaspar Hauser wird von den Menschen bestaunt, er wird „Das Kind Europas“ genannt. Menschen reisen extra nach Nürnberg, um ihn zu sehen. Es herrscht ein richtiger Hype um seine Person, würde man heute sagen. In ganz Europa kennt man die Geschichte, die Zeitungen berichten darüber.

Doch damals war es so wie heute: Jeder Hype hat seine Zeit. Irgendwann ist er vorbei. Also interessieren sich nach einem Jahr nicht mehr so viele Menschen für Kaspar Hauser. Aber dann wird er plötzlich angegriffen. Die Waffe hinterlässt eine Wunde auf seiner Stirn. So etwas ähnliches passiert später noch einmal, dann sogar mit einer Pistole. Er wechselt die Familien, in denen er lebt, nach diesen Angriffen. Zum Teil hat er sogar Bewacher, Polizeischutz nennt man das. Und ein englischer Lord nimmt ihn ebenfalls kurze Zeit unter seine Fittiche. Das Interesse an ihm wächst wieder.

Und dann kommt das Jahr 1833. Er wird wieder von einem angeblichen Attentäter mit einem Messer attackiert – drei Tage später stirbt er an den Folgen. Es zeigt sich, dass alle drei „Attentate“ wahrscheinlich von ihm selbst verübt wurden. Vielleicht wollte er einfach wieder im Mittelpunkt stehen.

Was bleibt, sind die vielen Fragen, was die Prinzentheorie angeht. 1996 wird mit modernsten Untersuchungsmethoden geforscht. Kleidungsstücke von Kaspar Hauser werden untersucht, vor allem ein Blutfleck, der auf einer Hose zu finden war. Eine DNA-Analyse ergibt: Kaspar Hauser hatte nichts mit dem badischen Adelshaus zu tun.

2002 ist die Technik noch ein bißchen weiter und wieder wird geforscht. Diesmal nimmt man Haare und analysiert diese. Jetzt kann man plötzlich nicht mehr ausschließen, dass Kaspar Hauser mit dem Adelshaus Baden verwandt war. Viele Fragen bleiben offen. Eine wirklich wissenschaftliche Untersuchung war das allerdings nicht.

Ob adelig oder nicht – eine andere Theorie besagt, dass Kaspar Hauser schlichtweg ein Scharlatan war. Vielleicht hat er alles nur erfunden, um wichtig zu erscheinen? Um bei den Menschen beliebt zu sein?

Mediziner jedenfalls zweifeln an der Geschichte. Nicht an der Figur Kaspar Hauser selbst, diese ist historisch belegt. Aber zum Beispiel an seiner Kindheit im Verlies und an der Ernährung mit Wasser und Brot. Dann wäre er nicht so gesund und wohl genährt gewesen.

War er vielleicht auch einfach psychisch krank? Es bleiben viele Fragen offen. Und genau das macht natürlich die Faszination aus. Es gibt Lieder, Filme, Bücher über Kaspar Hauser. Er ist ein Mythos geworden. An der Stelle, an der er den Todesstich erlitt, steht heute ein Gedenkstein. Darauf steht: Hier wurde ein Geheimnisvoller auf geheimnisvolle Weise getötet.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg232kurz.pdf

Wacken – das Heavy-Metal-Festival – SG #231

Wacken – das Heavy-Metal-Festival – SG #231

Thomas Jensen und Holger Hübner gehen ein Bierchen trinken in einer norddeutschen Gaststätte. Das war im Jahr 1989. Und während sie da so sitzen, haben sie eine Idee… Jahre später ist ihr Heimatdorf Wacken die Welt-Hauptstadt des Heavy Metal. Wie es dazu kam, erzähle ich dir heute.

Beide Freunde waren Heavy Metal-Fans. Ihr Heimatort war Wacken. Das ist eine kleine Gemeinde in Schleswig-Holstein. Heute hat sie 1840 Einwohner. Thomas und Holger jedenfalls hatten die Idee, in einer Kiesgrube ein Konzert zu veranstalten. Die Musikrichtung war klar: Rock und Metal sollten gespielt werden. Und das sollte nicht nur einen Tag dauern, sondern die Besucher und Besucherinnen sollten in Wacken campen dürfen. Sie durften also in Zelten übernachten.

Die Idee wurde im nächsten Jahr umgesetzt. 1990 gab es also das erste Festival in Wacken. Es fand im August statt und dauerte zwei Tage lang. Auf der Bühne waren ausschließlich deutsche Bands zu sehen. Wer als Zuschauer oder Zuschauerin dabei sein wollte, musste zwölf Mark Eintritt bezahlen.

Und weil das Festival so gut ankam bei den Leuten, wurde es im nächsten Jahr gleich wieder veranstaltet. Da kamen dann schon 1300 Menschen zu Besuch. Die Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Im dritten Jahr waren zum ersten Mal international bekannte Bands mit dabei, zum Beispiel „Saxon“. 26 Bands traten auf, manche von ihnen aus Schweden, Amerika, Irland und Belgien. Reich wurden die Veranstalter in diesem Jahr nicht. Sie mussten so viel Geld für die Security und die Beseitigung des Mülls ausgeben, dass sie am Ende 25.000 Mark verloren.

Aber sie machten weiter. Jeden Sommer lockten neue Bands zum Festival. 1996 waren erstmals 10.000 Zuschauer mit dabei – und die Kiesgrube wurde zu klein. Also zog das Festival um – es blieb aber in der kleinen Gemeinde Wacken. Die nächsten Jahre erzähle ich dir im Schnelldurchlauf. 2006 waren schon 62.500 Besucher in Wacken, und die Veranstalter stießen an ihre Grenzen. Noch größer könnte es nicht werden, so dachten alle.

Jedes Festival war Monate im voraus schon ausverkauft. Das heißt, es gab keine Karten mehr zu kaufen. Man verlängerte die Dauer des Festivals auf drei Tage, also von Donnerstag bis Samstag. Natürlich sollen nicht alle Gäste mit dem Auto anreisen – also gibt es seit 2002 einen Sonderzug, der von Zürich über Stuttgart und München und andere Städte in den Norden fährt. Im Zug gibt es einen DJ – es ist wahrscheinlich der lauteste Zug Deutschlands!

Was noch? Es gibt ein Fußballturnier in Wacken, auch eine Art Gottesdienst. Es gibt 75.000 zahlende Besucher auf einem Gelände von 240 Hektar mit acht Bühnen. 1300 Toiletten werden für die Leute aufgestellt, dazu 500 Duschen. 5000 Menschen arbeiten für das Festival, 1800 davon sorgen für die Sicherheit und Ordnung. Ach, und seit 2017 gibt es eine Bier-Pipeline, die einen Kilometer lang ist und innerhalb einer Stunde 10.000 Liter Bier transportieren kann.

Wir erinnern uns: Beim ersten Wacken-Festival kamen 6 Bands und 800 Teilnehmer zusammen, und man musste umgerechnet 6,14 Euro Eintritt bezahlen. Beim letzten Wacken-Festival 2019 waren es 218 Bands vor 75.000 Besuchern und die Karten kosteten 221 Euro. Ausverkauft war es nach vier Tagen. 2020 fand das Festival aufgrund der Corona-Pandemie nur online statt.

Menschen wie ich, die mit Heavy Metal nicht viel am Hut haben, kennen das Festival nur aus den Nachrichten: Da sieht man dann im Sommer fröhliche Menschen im Matsch auf dem Campingplatz feiern. Eine tolle Erfolgsgeschichte.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg231kurz.pdf

Die „Sage“ der Loreley am Rhein – SG #230

Die „Sage“ der Loreley am Rhein – SG #230

Die Loreley ist ein Felsen am Rhein. Wer auf ihn hinaufklettert, hat einen wunderschönen Blick über die Landschaft. Der Rhein macht hier eine Biegung, man sieht das Wasser und die Wälder am Ufer. Daher ist die Loreley ein beliebter Ausflugsort, viele Touristen kommen hierher. Das hat aber auch mit der Geschichte des Felsens zu tun. Denn die Dichter Clemens Brentano und Heinrich Heine haben aus diesem Felsen eine Frau gemacht. Und diese Frau soll für zahlreiche Schiffsunglücke verantwortlich sein… Aber fangen wir von vorne an.

Es gibt also diesen Felsen Loreley in Rheinland-Pfalz. Der Rhein ist hier 160 Meter breit und bis zu 25 Meter tief. Es gibt viele Kurven auf dieser Strecke. Dazu kommen noch starke Strömungen – und eben viele Felsen. Damit war und ist diese Stelle für Schiffe gefährlich. Viele Schiffe gingen hier unter – erst in der jüngeren Vergangenheit wurden einige Felsen mitten im Wasser gesprengt, sodass es nicht mehr ganz so gefährlich ist, hier mit dem Schiff zu fahren.

Dennoch passieren auch heute noch Unfälle. Zum Beispiel lief 2003 ein Schiff mit 349 Passagieren auf Grund. Das bedeutet, dass das Schiff auf dem Boden des Flusses aufsetzte. Es ließ sich nicht mehr steuern und prallte nach der Kurve auf das Ufer. 41 Personen wurden verletzt, drei von ihnen schwer.

2011 dann das nächste Unglück an der Loreley, diesmal war es ein Frachtschiff, das 2400 Tonnen Schwefelsäure an Bord hatte. Zwei der vier Besatzungsmitglieder starben bei diesem Unfall.

Heute wissen wir, wie solche Unfälle passieren. Wir können die Strömung berechnen, wir haben Kameras, die unter Wasser funktionieren. Aber stell Dir mal vor, wie das früher war. Wenn an einer bestimmten Stelle immer wieder Menschen starben – dann dachte man nicht an Strömungen im Wasser, sondern an Zwerge oder an Geister.

Der Dichter Clemens Brentano war dann der Erste, der sich statt eines Zwerges lieber eine schöne Frau vorstellte. In seinem Buch war die Lore Lay eine Frau, die wunderschön war und sehr anziehend auf Männer wirkte. Deswegen hielten manche sie für eine Hexe oder eine Zauberin. Nur der eine Mann, den sie wirklich wollte, bekam sie nicht. Er verließ sie für eine andere Frau. Auf dem Weg ins Kloster bat sie darum, noch einmal den Rhein sehen zu dürfen. Vom Felsen aus blickte sie nach unten – und stürzte in die Tiefe. Sie starb. Die Figur der Lore Lay wird zu einer Art Sirene – sie lockt die Männer an und führt sie in den Tod. Viele Menschen denken, das ist eine uralte deutsche Sage – dabei schrieb Brentano sie im Jahr 1800. Er benutzte den Mythos um einen Felsen und schuf eine Geschichte daraus.

Mein Lieblingsdichter Heinrich Heine griff die Geschichte 24 Jahre später auf und schrieb sein wohl berühmtestes Gedicht dazu. Es geht so:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin;
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
und ruhig fließt der Rhein;
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar;
ihr goldnes Geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
und singt ein Lied dabei;
das hat eine wundersame,
gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh;
er schaut nicht die Felsenriffe,
er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
am Ende Schiffer und Kahn;
und das hat mit ihrem Singen
die Lore-Ley getan.

Hier sind schöne Aufnahmen der Gegend zu sehen:

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg230kurz.pdf