Wiedereinführung der Wehrpflicht – SG 322

Wiedereinführung der Wehrpflicht – SG 322

Gibt es bald wieder eine Wehrpflicht in Deutschland? Ich bin dieses Jahr 50 geworden. Als ich eine junge Erwachsene war, war es ganz normal, dass die Männer „zum Bund“ gingen oder Zivildienst leisteten. Das bedeutet, dass die jungen Männer meiner Generation für ungefähr ein Jahr einen Militärdienst leisten mussten. Sie waren in dieser Zeit Soldaten. Wer das nicht wollte, konnte verweigern. Diese jungen Männer haben dann das Jahr in sozialen Einrichtungen gearbeitet, zum Beispiel in Krankenhäusern.

Jahrzehntelang war das selbstverständlich: Junge Männer in Deutschland mussten zur Bundeswehr. Doch seit 2011 ist das anders. Und jetzt diskutiert das Land erneut darüber, wie es weitergeht.

Fangen wir wieder bei der Geschichte an. Die allgemeine Wehrpflicht trat in Deutschland am 21. Juli 1956 in Kraft. Also einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Von da an waren alle Männer zwischen 18 und 45 Jahren wehrpflichtig. Über Jahrzehnte war die Bundeswehr eine der größten Armeen in Europa. Zu den Hochzeiten des Kalten Krieges hatte sie fast 500.000 Soldatinnen und Soldaten.

Dann änderte sich die Welt. Mit dem Ende des Kalten Krieges war die Verteidigung des eigenen Landes nicht mehr so wichtig. Wir fühlten uns sicher. Die Bundeswehr wurde kleiner. Der Verteidigungshaushalt wurde gekürzt, das heißt es wurde weniger Geld für das Militär ausgegeben. Die noch verbleibende Truppe konzentrierte sich mehr auf Auslandseinsätze. Für solche Einsätze brauchte man keine Wehrpflichtigen, sondern gut ausgebildete Spezialisten. 2011 wurde die Wehrpflicht schließlich unter Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ausgesetzt. Sie wurde also nicht abgeschafft, sondern sozusagen pausiert. Das hatte vor allem finanzielle Gründe, denn eine Berufsarmee war günstiger zu organisieren.

Jetzt betone ich das Wort „ausgesetzt“ noch einmal: Die Wehrpflicht steht noch immer im Grundgesetz. Das bedeutet, sie kann theoretisch jederzeit wieder aktiviert werden.

Und genau das ist jetzt wieder ein großes Thema. Der Grund dafür liegt vor allem in der Sicherheitslage in Europa. Russland führt einen Angriffskrieg auf die Ukraine. Das ist sehr nah. Deshalb will die Bundesregierung die Bundeswehr stärken. Bis 2035 soll es rund 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten sowie weitere 200.000 Reservisten geben. Das Problem: Ende Oktober 2025 waren es erst rund 184.000 Soldatinnen und Soldaten – also viel weniger.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Bundesregierung gehandelt. Der Bundestag stimmte am 5. Dezember 2025 für das sogenannte Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Am 1. Januar 2026 trat es in Kraft.

Aber was bedeutet dieses Gesetz genau? Ist das jetzt die Wehrpflicht? Nicht ganz. Der neue Wehrdienst beruht weiterhin auf Freiwilligkeit. Wer nicht zur Bundeswehr will, muss nicht hin. Dennoch gibt es eine wichtige Neuerung: Alle 18-Jährigen erhalten einen Brief mit QR-Code und werden gebeten, einen digitalen Fragebogen auszufüllen. Für Männer ist das Ausfüllen und Zurücksenden Pflicht – für Frauen freiwillig. Außerdem werden junge Männer ab dem Jahrgang 2008 verpflichtend gemustert, also medizinisch untersucht. Bei der Musterung wird überprüft, ob der Mann überhaupt körperlich in der Lage wäre, als Soldat zu dienen.

Wer sich freiwillig meldet, bekommt attraktive Angebote. Der Sold, das ist das Geld, das man als Soldat verdient, wurde deutlich angehoben, auf rund 2.600 Euro brutto im Monat. Wer mindestens zwölf Monate dient, bekommt außerdem einen Zuschuss von bis zu 3.500 Euro für den Auto-Führerschein oder bis zu 5.000 Euro für einen LKW-Führerschein.

Aber was, wenn sich trotzdem nicht genug Freiwillige finden? Das Gesetz sieht die Möglichkeit einer sogenannten Bedarfswehrpflicht vor. Darüber müsste der Bundestag per Gesetz entscheiden – einen Automatismus gibt es nicht. Sollte es mehr potenzielle Wehrpflichtige als freie Stellen geben, soll sogar ein Losverfahren angewendet werden. Das erinnert mich etwas an die USA und den Vietnamkrieg, oder?

Nicht alle sind mit dem neuen Modell zufrieden. Militärhistoriker und Bundeswehr-Experten bezweifeln, dass die Bundeswehr ihren Personalbedarf allein aus Freiwilligen decken kann. Die Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 sei ein großer strategischer Fehler gewesen, sagen manche. Und vor allem gibt es Widerstand bei denjenigen, die es betrifft: Junge Männer und Jugendliche. Unter dem Motto „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ gab es Kundgebungen in etwa 90 Städten. Der Protest richtete sich gegen die verpflichtende Musterung aller Männer und eine befürchtete Militarisierung der Gesellschaft. Schüler demonstrieren also weiterhin regelmäßig dagegen. Sie sagen: Alte Männer wie Bundeskanzler Friedrich Merz dürfen nicht beschließen, dass die jungen Männer in den Krieg ziehen müssen.

Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass viele Deutsche das Thema anders sehen als früher. Eine Bevölkerungsumfrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr ergab, dass 53 Prozent der Befragten die Wiedereinführung eines Wehrdienstes für notwendig halten – sechs Prozentpunkte mehr als im Jahr davor.

Die Debatte ist also noch lange nicht abgeschlossen. Das neue Gesetz ist ein Kompromiss: keine echte Wehrpflicht, aber auch kein reines Freiwilligensystem mehr. Ob das reicht, um die Bundeswehr stark genug zu machen, wird die nächste Zeit zeigen. Ich persönlich kann nicht verstehen, dass wir angesichts des Klimawandels weiterhin Kriege führen und Milliarden von Euro für Waffen ausgeben, anstatt uns gemeinsam um unseren Planeten zu kümmern. Und als Mutter eines Sohnes will ich natürlich nicht, dass mein Sohn zum Soldaten wird.

Text der Episode als PDF:
https://slowgerman.com/folgen/sg322kurz.pdf

Social Media für Jugendliche verbieten? – SG 321

Social Media für Jugendliche verbieten? – SG 321

Ein Social-Media-Verbot für Jugendliche? Es ist die große Frage: Sollten Kinder und Jugendliche überhaupt Social Media nutzen dürfen? Diese Diskussion ist nicht neu – ich frage mich das immer wieder. Aber sie ist in den letzten Monaten sehr aktuell geworden. Besonders weil Australien als erstes Land der Welt gehandelt hat.

Doch beginnen wir von vorne. In Deutschland nutzen Kinder und Jugendliche Social Media im Durchschnitt mehr als drei Stunden pro Tag. Plattformen wie Instagram, TikTok oder Snapchat sind ein fester Teil ihres Alltags. Viele fangen schon sehr früh damit an – oft weit vor dem 13. Lebensjahr, das die Plattformen selbst als Mindestalter angeben.

Gleichzeitig wächst die Sorge um die psychische Gesundheit junger Menschen. Studien zeigen, dass intensive Social-Media-Nutzung mit erhöhten Depressions- und Angstsymptomen, Schlafstörungen, Einsamkeit und Konzentrationsschwierigkeiten zusammenhängt. In Deutschland nutzen rund eine Million der Kinder und Jugendlichen auf problematische Weise Social Media. 300.000 erfüllen sogar die Kriterien einer echten Social-Media-Sucht.

Wichtig zu sagen: Viele dieser Studien zeigen nur einen Zusammenhang, keine eindeutige Ursache. Das heißt, man weiß nicht sicher, ob Social Media die Probleme verursacht – oder ob Jugendliche mit Problemen einfach mehr Social Media nutzen. Trotzdem nehmen Politiker und Wissenschaftler das Thema ernst.

Den stärksten Impuls für die Debatte in Deutschland gab Australien. Das australische Parlament beschloss Ende 2024 als erstes Land der Welt eine Altersbeschränkung für Social Media. Am 10. Dezember 2025 trat das Gesetz in Kraft: Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren dürfen seitdem keine eigenen Accounts mehr auf großen Plattformen wie Instagram, TikTok, Snapchat, Facebook, YouTube, X, Reddit und Twitch besitzen. 4,7 Millionen Accounts wurden deaktiviert. Die Plattformen müssen das Alter der Nutzer überprüfen. Strafen drohen dabei ausschließlich den Plattformbetreibern, nicht den Jugendlichen oder ihren Eltern.

Was passiert, wenn ein Unternehmen die Regeln nicht einhält? Die australische Regierung hat die Höchststrafe inzwischen auf 99 Millionen australische Dollar – das sind etwa 60 Millionen Euro – verdoppelt.

Aber funktioniert das Verbot wirklich? Gerade diese Woche wurden die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse veröffentlicht – und sie sind ernüchternd. Forscher der Universität Newcastle befragten mehr als 400 australische Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren kurz vor und etwa drei Monate nach dem Start des Verbots. Das Ergebnis: Mehr als 85 Prozent der betroffenen Jugendlichen nutzten weiterhin die verbotenen Plattformen. Die meisten über eigene Accounts, die sie einfach behalten haben. Viele Jugendliche umgehen die Alterskontrollen aktiv, und die vorhandenen Überprüfungen der Plattformen sind oft unzureichend. Häufig reicht eine einfache Selbstauskunft zum Alter oder das Hochladen eines Selfies.

Dennoch wollen auch andere Länder Social Media für Jugendliche verbieten. Großbritannien zum Beispiel. Die britische Regierung hatte Eltern und Kinder befragt und 116.000 Antworten bekommen. Das Ergebnis: die große Mehrheit wollte ein Verbot. Anfang 2027 soll es in Kraft treten.

Was macht Deutschland aus diesen Erfahrungen? Die Bundesregierung hat im September 2025 eine Expertenkommission zum Thema „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ eingerichtet. Diese Kommission hat Ende Juni 2026 ihre Empfehlungen vorgestellt. Das Gremium riet von einem strengen, pauschalen Social-Media-Verbot ab. Bundesfamilienministerin Karin Prien von der CDU spricht sich grundsätzlich für eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren aus – verbunden mit einer wirksamen Altersüberprüfung und abgestuften Schutzmaßnahmen für Jugendliche bis 18 Jahre.

Andere Experten setzen auf einen anderen Ansatz. Sie empfehlen, dass Plattformen die Accounts von Minderjährigen mit bestimmten sicheren Grundeinstellungen versehen müssen – zum Beispiel keine algorithmisch gesteuerten Feeds, keine personalisierte Werbung und kein Endlos-Scrollen. Die Idee dahinter: Der Schutz soll nicht davon abhängen, wie medienkompetent einzelne Kinder oder Eltern sind, sondern direkt in der Gestaltung der Plattformen stecken.

Auch in anderen Ländern wird das Thema diskutiert. In Dänemark soll das Mindestalter bei 15 Jahren liegen. In Spanien, Norwegen, Griechenland und den Niederlanden läuft ebenfalls eine Debatte.

Die Frage, wie Kinder und Jugendliche online besser geschützt werden können, beschäftigt also viele Länder gleichzeitig. Und die ersten Erfahrungen aus Australien zeigen: Ein gesetzliches Verbot allein reicht offenbar nicht aus. Ich selber bin der Meinung, dass wir viel mehr mit den Kindern und Jugendlichen über Social Media reden müssen. Sie müssen wissen, welche Gefahren es gibt und wie sie damit umgehen können. Und: Wir Erwachsenen müssen Vorbilder sein und unser Verhalten selber kritisch hinterfragen. Denn sind wir mal ehrlich: Sind nicht viele von uns viel zu oft auf Social Media? Was denkst du zu diesem Thema? Schreib gerne in die Kommentare!

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg321kurz.pdf

Hitzewelle und Rentenreform

So, liebe Newsletter-Leser und -Leserinnen, es gab eine lange Pause. Ich habe in der letzten Podcast-Episode erklärt, warum: Ich habe leider Brustkrebs. Aber jetzt geht es wieder weiter, meine Gesundheit lässt es gerade zu. Danke für Eure Geduld und Euer Verständnis!

Nachricht aus Deutschland

Es ist heiß. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Wir haben hier eine Woche mit Temperaturen um die 30-35 Grad. Das ist in Deutschland nicht normal im Juni. Wir spüren schon jetzt den Klimawandel. Du musst dazu wissen, dass nur wenige Häuser hier Klimaanlage haben. Auch die Schulen nicht. Und nicht alle Büros. Für die Kinder im Norden gibt es eine gute Nachricht: Am 2. Juli fangen dort die Sommerferien an. Im Süden, in Bayern zum Beispiel, erst im August.

Mehr darüber kannst Du hier lesen.

Darüber redet Deutschland

Die aktuelle Regierung ist nicht sehr beliebt. Unter anderem wird ihr vorgeworfen: Sie tut nicht genug. Jetzt gab es allerdings den Vorschlag einer Rentenreform. Es soll also geändert werden, wie in Deutschland die Rente organisiert wird. 33 Empfehlungen hat eine Gruppe von Expertinnen und Experten gegeben. Zum Beispiel, dass ein Teil der Rentenzahlungen auf dem Aktienmarkt investiert werden sollen. So ist es auch in Skandinavien. Die Menschen müssen auch länger arbeiten – weil sie auch länger leben. Die Regierung möchte, dass über all das nicht lange diskutiert wird. Es soll bald umgesetzt werden.

Hier gibt es mehr zum Thema

Aus Anniks Leben

Ich habe mein Arbeitszimmer im Dachgeschoss. Momentan hat es 28 Grad. Draußen 35. Zwei Mal am Tag gehe ich raus und gieße meine Bonsai. Ich habe auch Sonnensegel aufgespannt, damit die kleinen Bäume im Schatten sind. Seit einer Woche hatte ich keine Socken an. Das ist der Vorteil als Frau: wir dürfen Sandalen und Kleider tragen. Mir tun alle Männer leid, die im Anzug in die Arbeit gehen müssen. Und mir tun die Bauarbeiter leid, die draußen bei dieser Hitze schwer körperlich arbeiten müssen! Auch vor meiner Tür ist bis September eine große Baustelle. Sehr laut.

Kultur aus Deutschland

Ist Fußball auch Kultur? Heute ja. Für diese Rubrik. Momentan findet ja die Fußball-Weltmeisterstadt in USA, Mexiko und Kanada statt. Heute Abend spielt die deutsche Mannschaft. Bei jeder WM gibt es eine Diskussion in Deutschland: Dürfen wir die deutsche Fahne schwenken? Dürfen wir nationalistisch sein? Patriotisch? Die Geschichte der Nazis hat dafür gesorgt, dass wir sehr verunsichert sind. Ich selber sehe mich nicht als Deutsche, sondern als Europäerin. Und als Münchnerin. Und Du?

Dieses Lied geht übrigens momentan um die Welt (und damit sind wir wieder bei der Kultur):


Die aktuelle Episode im Slow German Podcast:

Danke und bis zum nächsten Mal!

Deine Annik

Brustkrebs – SG 320

Brustkrebs – SG 320

Du hast vielleicht gemerkt, dass es eine längere Pause bei Slow German gab. Der Grund ist, dass bei mir Brustkrebs diagnostiziert wurde. Ich danke Dir für Deine Geduld und ich danke besonders denen, die mich und meine Arbeit an diesem Podcast finanziell bei Patreon oder auf slowgerman.com unterstützen. Also: Heute geht es um das Thema Brustkrebs in Deutschland.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Jedes Jahr erhalten etwa 75.000 Frauen die Diagnose Brustkrebs. Das heißt: Jede achte Frau in Deutschland erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Natürlich können auch Männer an Brustkrebs erkranken, aber das kommt deutlich seltener vor. Die Krankheit entsteht, wenn sich Zellen in der Brust unkontrolliert vermehren und einen Tumor bilden. Dank moderner Medizin sind die Heilungschancen heute oft deutlich besser als noch vor einigen Jahrzehnten. Die relative Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt inzwischen bei etwa 88 Prozent.

Brustkrebs ist keine neue Krankheit. Schon in der Antike beschrieben Ärzte Veränderungen in der Brust, die vermutlich Krebs waren. Damals gab es jedoch kaum wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Viele Menschen glaubten, Krankheiten seien eine Strafe der Götter oder hätten andere mystische Ursachen. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich die moderne Medizin. Ärzte begannen, Tumore genauer zu untersuchen und Operationen wurden sicherer. Trotzdem war Brustkrebs lange eine Krankheit, über die nur wenig gesprochen wurde.

Auch in Deutschland war das Thema viele Jahre tabu. Viele Frauen schämten sich, über Veränderungen ihrer Brust zu sprechen. Außerdem gab es früher weniger Möglichkeiten zur Früherkennung. Oft wurde Krebs erst entdeckt, wenn der Tumor bereits groß war oder sich im Körper ausgebreitet hatte. Die Behandlung bestand meist aus umfangreichen Operationen. Dabei wurde häufig die gesamte Brust entfernt.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte die Krebsforschung große Fortschritte. Wissenschaftler lernten immer mehr über die Entstehung von Tumoren. Neue Medikamente wurden entwickelt, und die Strahlentherapie wurde verbessert. Gleichzeitig erkannte man, wie wichtig eine frühe Diagnose ist. Je früher Brustkrebs entdeckt wird, desto besser sind meistens die Behandlungsmöglichkeiten.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Mammographie. Das ist eine Röntgenuntersuchung der Brust. Mit ihr können auch kleine Veränderungen sichtbar werden, die man noch nicht ertasten kann. In vielen Ländern wurde deshalb über organisierte Früherkennungsprogramme diskutiert. In Deutschland begann das nationale Mammographie-Screening im Jahr 2005. Heute werden Frauen zwischen 50 und 75 Jahren alle zwei Jahre zu einer Mammographie eingeladen. Die Teilnahme ist natürlich freiwillig. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Die Untersuchung ist gar nicht schlimm und schnell vorbei. Habt also keine Angst davor.

Das Mammographie-Screening war von Anfang an Gegenstand von Diskussionen. Befürworter betonen, dass Tumore früher entdeckt werden können und dadurch die Heilungschancen steigen. Kritiker weisen darauf hin, dass nicht jede Auffälligkeit tatsächlich Krebs ist. Manchmal führen Untersuchungen zu falschem Alarm und damit zu zusätzlicher Belastung für die betroffenen Frauen. Deshalb erhalten die eingeladenen Frauen heute ausführliche Informationen über Nutzen und mögliche Nachteile der Untersuchung.

In den vergangenen Jahren wurden die Ergebnisse des Screening-Programms wissenschaftlich untersucht. Eine große Studie zeigte, dass die Brustkrebssterblichkeit bei Teilnehmerinnen des Programms um etwa 20 bis 30 Prozent niedriger war als bei Frauen, die nicht teilnahmen. Die Forschenden werteten dafür Daten aus vielen Regionen Deutschlands aus. Diese Ergebnisse bestätigen frühere internationale Studien.

Heute gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten für Brustkrebs. Welche Therapie eingesetzt wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören die Größe des Tumors, das Alter der Patientin und bestimmte biologische Eigenschaften der Krebszellen. Oft werden mehrere Methoden kombiniert. Dazu gehören Operationen, Strahlentherapie, Chemotherapie, antihormonelle Therapie und moderne zielgerichtete Medikamente. In vielen Fällen kann die Brust erhalten bleiben, was früher oft nicht möglich war. Das bedeutet, dass sie nicht ganz entfernt wird.

Auch die Forschung zu den Ursachen von Brustkrebs hat große Fortschritte gemacht. Es gibt nicht den einen Auslöser. Das Risiko wird von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören das Alter, bestimmte genetische Veränderungen, hormonelle Einflüsse und der Lebensstil. Bekannt sind zum Beispiel die Gene BRCA1 und BRCA2. Frauen mit Veränderungen in diesen Genen haben ein deutlich höheres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Deshalb werden Familien mit einer starken Belastung heute oft genetisch beraten.

In Deutschland gibt es außerdem spezialisierte Brustzentren. Dort arbeiten Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammen. Die Behandlung wird dadurch besser koordiniert. Viele Patientinnen erhalten dort einen individuellen Therapieplan, der auf ihre persönliche Situation abgestimmt ist.

Trotz aller medizinischen Fortschritte bleibt Brustkrebs ein wichtiges Thema für das Gesundheitssystem. Jedes Jahr sterben in Deutschland noch immer etwa 18.500 Menschen an dieser Krankheit. Gleichzeitig zeigen die Statistiken, dass die Überlebenschancen heute deutlich höher sind als früher. Dazu haben bessere Behandlungsmethoden, eine stärkere Forschung und die Möglichkeiten der Früherkennung beigetragen.

Was kann ich selber nun erzählen? Bei mir ging alles sehr schnell. An einem Montag wurde der Brustkrebs entdeckt. Zwei Tage später war ich für zwei Tage im Krankenhaus und es wurden viele Tests gemacht, zum Beispiel Ultraschall, Mammografie und eine Biopsie. Eine Woche später habe ich mit der Therapie begonnen. Und zu den Kosten? Ich habe bis jetzt sehr wenig selber bezahlt. Für den Aufenthalt im Krankenhaus musste ich pro Tag 10 Euro bezahlen. Wenn ich Tabletten bekomme, zahle ich auch 5 bis 10 Euro pro Medikament in der Apotheke.

Auch finanziell sieht es in Deutschland zum Glück recht gut aus. Wer fest angestellt ist, wird krankgeschrieben und bekommt daraufhin Geld. Es gibt viele Sozialleistungen. Das bedeutet, dass man zum Beispiel Hilfe bekommt im Haushalt, wenn es einem schlecht geht. Ich bin selbständig und nicht fest angestellt. Aber ich kann zum Glück auch gut weiterarbeiten momentan.

Außerdem gibt es viele Angebote für Erkrankte: Ich kann zu einer Psychoonkologin gehen, das ist eine spezielle Therapeutin, die sich mit Krebserkrankungen auskennt. Ich kann ein spezielles Krafttraining machen. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich bin sehr froh, dass ich diese gute medizinische Betreuung in München in Anspruch nehmen kann.

So, jetzt weißt Du mehr über Brustkrebs. Bitte hab Geduld, wenn es mal länger keine Episode gibt. Dann weißt Du, dass ich mich gerade um meine Gesundheit kümmere. Nächstes Mal geht es jedenfalls wieder um ein ganz anderes Thema! Bis dahin! Deine Annik.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg320kurz.pdf