Konsum in Deutschland – SG #217

Konsum in Deutschland – SG #217

Ich habe eine interessante Tabelle gefunden, aus der ich dir heute etwas erzählen möchte. Es geht dabei um die Konsumausgaben privater Haushalte in Deutschland. Es ist also die Frage, wofür die Menschen in Deutschland ihr Geld ausgeben. Ich werde dir dabei die Originalbegriffe aus der Tabelle nennen und sie erklären.

Jeder Haushalt in Deutschland gibt pro Monat im Durchschnitt 2704 Euro aus. Vielleicht sollte ich das Wort Haushalt erklären. Wenn ich alleine in einer kleinen Wohnung wohne, dann ist das ein Haushalt. Wenn eine Familie mit drei Kindern in einem Haus wohnt, ist das auch ein Haushalt. Es ist also jeweils eine Wohneinheit.

Am meisten Geld, nämlich 908 Euro pro Monat, geben die Menschen für Wohnen, Energie und die Wohnungsinstandhaltung aus. Wohnen ist klar, das ist also die Miete für eine Wohnung oder der Kredit für ein Haus. Das ist ein Drittel aller Ausgaben. Energie ist auch klar, das sind Stromkosten oder Gas oder Heizöl. Und Wohnungsinstandhaltung sind Ausgaben, bei denen man etwas repariert oder modernisiert.

An zweiter Stelle steht der Verkehr, also das Fahrrad, das ich mir neu kaufe, oder das Auto, oder auch Bahnfahrkarten. 379 Euro gibt ein normaler deutscher Haushalt dafür jeden Monat aus. Und an dritter Stelle kommen in Deutschland dann Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren. Nahrungsmittel nennt man auch Lebensmittel, das sind also Obst, Gemüse, Fleisch, Nudeln und andere Dinge, die wir essen können. Getränke sind klar, und Tabakwaren sind Zigaretten und Zigarren. Das sind immerhin noch 360 Euro pro Monat.

Diese drei Posten waren jetzt eigentlich die wichtigsten, denn da geht es darum, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, etwas zu essen und uns bewegen können. Mal sehen, was auf Platz vier steht. Da ist der Punkt „Freizeit, Unterhaltung und Kultur“. Wir möchten gerne Sport machen, auf ein Konzert gehen oder ins Kino gehen. Das kostet alles Geld. 304 Euro gibt ein deutscher Haushalt dafür pro Monat im Schnitt aus.

Ins Restaurant gehen, in einem Hotel schlafen oder in ein Café gehen – das kostet den deutschen Haushalt 168 Euro im Monat. Für Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände sind es 137 Euro, das sind also Möbel oder Küchengeräte. Für Bekleidung und Schuhe sind es 122 Euro pro Monat, für die Gesundheit 115 Euro. Handy und Telefon kosten im Durchschnitt 71 Euro pro Monat – und dann kommt etwas, was ich traurig finde: Für das Bildungswesen gibt ein normaler deutscher Haushalt nur 28 Euro aus. Das Bildungswesen, das sind alle Arten von Schulen. Bei größeren Haushalten ist das mehr, denn diese haben dann natürlich auch mehrere Kinder, die noch in die Schule gehen.

Jetzt weißt du, wofür die Menschen in Deutschland ihr Geld ausgeben. Wie ist das in deinem Land oder bei dir selbst? Schreib gerne eine Mail an mich oder einen Kommentar! Den Link zur Tabelle findest du auf slowgerman.com. Die Zahlen sind vom Statistischen Bundesamt, Stand Februar 2020.

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Konsumausgaben-Lebenshaltungskosten/Tabellen/privater-konsum-haushaltsgroesse-evs.html

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg217kurz.pdf

Die Uhrzeit – SG #210

Die Uhrzeit – SG #210


Heute beschäftigen wir uns mit der Uhrzeit. Es ist gar nicht so leicht, in einer Fremdsprache zu sagen, wie spät es ist, oder? Wenn Du selber nicht weißt, wie spät es ist, kannst Du Menschen auf der Straße fragen indem Du sagst: „Entschuldigung, wie spät ist es?“ oder „Entschuldigung, wieviel Uhr ist es?“.

Jetzt erkläre ich Dir, wie wir Uhrzeiten benennen. Fangen wir an mit der sogenannten vollen Stunde. Eine volle Stunde ist, wenn der Minutenzeiger der Uhr oben steht, auf der 12. Wenn es also genau ein Uhr ist. Oder zwei. Oder drei Uhr. Ich sage dann: Es ist drei Uhr. In der Umgangssprache kannst Du auch einfach sagen „es ist drei“. Das reicht.

Jetzt kommen die Minuten dazu, und dann wird es schon ein wenig komplizierter. Also sagen wir mal, es ist zehn Minuten nach drei. Dann sage ich: „Es ist zehn Minuten nach drei“. Ich muss auch hier nicht „drei Uhr“ sagen, denn bei der Zeitangabe versteht sich das von selbst. Noch kürzer kannst Du sagen: „Es ist zehn nach drei“. Lassen wir fünf weitere Minuten verstreichen. Dann ist es 15 Minuten nach drei. Hier gibt es jetzt noch eine neue Möglichkeit. Ich kann sagen: „Es ist viertel nach drei“.

Wandert der Zeiger der Uhr nach unten, dann ist eine halbe Stunde vergangen. Ich sage: „Es ist halb vier“. Nach einer weiteren Viertelstunde sage ich: „Es ist viertel vor vier“. Eine andere Möglichkeit für diese Uhrzeit ist „Es ist dreiviertel vier“. Danach kann ich sagen: „Es ist fünf vor vier“.

Bis hierhin ist es logisch. Es gibt aber einige Besonderheiten, die je nach Region unterschiedlich sind. Zum Beispiel sagen manche Menschen in Deutschland auch gerne „Es ist fünf vor halb acht.“ Da muss man erstmal rechnen, was das wirklich bedeutet, oder? Es ist 7:25 Uhr. Fünf vor halb acht. Noch eine Variante: Es ist fünf nach halb eins. 12:35 Uhr ist fünf nach halb eins. Für mich immer schwer zu verstehen ist es, wenn Leute sagen: „Wir treffen uns um Viertel sieben“. Ist das dann 7:15 Uhr oder 6:15? Es ist 6:15. Das ist Viertel 7. Verwirrend, oder?

Dass der Tag 24 Stunden hat, wissen wir in Deutschland natürlich auch. Aber meistens ergibt sich aus dem Kontext, ob wir den Nachmittag und Abend meinen oder den Vormittag. Wenn es nicht so genau feststeht, sagt man es lieber dazu. Dann sagt man also: „Wir treffen uns morgen früh um acht“. Oder: „Wir treffen uns morgen Abend um acht“. In Deutschland halten die Menschen Verabredungen übrigens pünktlich ein. Meistens jedenfalls. Wenn Du betonen möchtest, dass Dein Partner pünktlich sein soll, sagst Du: „Wir treffen uns morgen Abend um Punkt acht“.

Wenn offiziell über die Uhrzeit gesprochen wird, dann wird die 24-Stunden-Variante verwendet. Es gibt also alle Uhrzeiten von 0 bis 24 Uhr. 0 Uhr ist Mitternacht, dann werden die Zahlen hochgezählt bis mittags um 12 Uhr. Danach geht es aber normal weiter mit 13 Uhr – das ist dann 1 Uhr mittags. 23 Uhr ist 11 Uhr abends.

Der Nachrichtensprecher im Fernsehen wird also sagen: „Die Sondersendung beginnt um 20.15 Uhr“. Das ist abends um Viertel nach acht. Wenn Du gerade den Text mitliest, dann wirst Du sehen, dass ich anders spreche als es dort steht. 20.15 Uhr ist die korrekte Schreibweise. Wir sagen aber 20 Uhr 15.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg210kurz.pdf

Aberglaube in Deutschland – SG #209

Aberglaube in Deutschland – SG #209

Meine beste Freundin ist Chinesin. Mit ihr habe ich über Aberglaube gesprochen. Denn wenn wir zusammen essen gehen, dürfen wir nicht vier verschiedene Dinge bestellen – denn vier ist eine Zahl, die Unglück bringt. So ist das zumindest in China. Hier in Deutschland mögen wir die vier als Zahl. Viele Produkte sind so abgepackt, dass sie vier Einzelteile enthalten. Vier Brötchen, vier Stifte, vier Äpfel. Vier ist irgendwie eine schöne Zahl, finde ich, weil sie zwei Paare ausdrückt. In China klingt die Zahl aber so wie die Wörter von sterben und Tod – also schlecht.

Das alles ist aber nur die Vorgeschichte dafür, wie unterschiedlich die Kulturen und Nationen mit ihrem Aberglauben umgehen. Und natürlich gibt es auch Dinge, die in Deutschland abergläubischen Menschen Angst machen. Fangen wir mit den Zahlen an. Bei uns ist die 13 die Zahl, die Pech bringt. Es gibt im Flugzeug keine 13. Sitzreihe, im Hotel kein 13. Stockwerk.

Weiter geht’s mit dem Aberglauben: Ich selber liebe Katzen, vor allem wenn sie schwarz sind. Aber wenn eine schwarze Katze von links über den Weg läuft, dann kann das Pech bringen. Die Ursache dafür ist wie so oft das Mittelalter. Im Mittelalter verbrannte man Hexen, man hatte Angst, dass manche Frauen magische böse Kräfte hätten. Schwarze Tiere sollten ebenfalls dämonisch sein, zum Beispiel Raben oder eben schwarze Katzen. Also wurden diese oft getötet. Heute gibt es kaum Katzen, die komplett schwarz sind!

Dass es vor allem Pech bringt, wenn die Katze von links nach rechts läuft, ist auch interessant. Man sagt nämlich auch, wenn jemand schlechte Laune hat: „Der ist wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden“, und meint damit den linken Fuß.

Pech bringt es in Deutschland auch, wenn man unter einer Leiter hindurchgeht. Angeblich bilden Leiter, Wand und Boden ein Dreieck, und das Dreieck ist die heilige Form. Wer da durchgeht, der macht die Form kaputt, und dann erlebt er Böses. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Aberglauben aber einen ziemlich praktischen Ursprung hat: Wenn nämlich oben auf der Leiter ein Maler steht, wird man sicher ganz schön dreckig, wenn man direkt darunter hindurch läuft.

Wenn du Geburtstag hast und mit den Menschen an deinem Tisch anstoßen möchtest, nimmst du dein Glas in die Hand und hältst es den anderen Menschen hin. Sie tun das gleiche und stoßen mit dir an. Ganz wichtig: In Deutschland musst du deinem Gegenüber in die Augen schauen, während sich die Gläser berühren! Die Strafe ist sonst besonders schlimm: Sieben Jahre schlechter Sex… Das zumindest sagt der Aberglaube.

A propos sieben: Wenn du einen Spiegel kaputt machst, dann hast du sieben Jahre Unglück. Denn im Spiegel siehst du deine Seele, und die zerbricht dann mit dem Spiegel. Nach sieben Jahren ist sie wieder geheilt. Komischer Aberglaube, denn auf der anderen Seite haben wir das Sprichwort „Scherben bringen Glück“.

Du darfst übrigens auch keinem oder keiner Deutschen vor seinem eigentlichen Geburtstag zum Geburtstag gratulieren! Sag also ja nicht am Tag davor: „Alles gute zum Geburtstag!“ Sonst wird dich dieser Mensch sehr böse anschauen. Denn du hast das Schicksal herausgefordert. Wer weiß, was bis morgen noch passiert? Also erst gratulieren, wenn der Tag wirklich da ist.

Es gibt auch positiven Aberglauben: Wenn du in eine neue Wohnung oder ein neues Haus einziehst kann es sein, dass deine deutschen Nachbarn oder Freunde dir ein Brot und Salz mitbringen. Das sind die Geschenke, die dir Glück bringen sollen. Wenn du übrigens Salz verschüttest dann bringt das wieder Unglück – und zwar mal wieder sieben Jahre. Die arme Zahl sieben, was hat sie nur verbrochen…

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg209kurz.pdf

Brief schreiben – So schreibe ich einen Brief! SG #206

Brief schreiben – So schreibe ich einen Brief! SG #206


Normalerweise erzähle ich dir etwas über Deutschland und die deutsche Kultur. Jetzt habe ich mir aber eine andere Idee: Ich sage dir, wie du einen Brief schreiben kannst. Das ist wichtig im Alltag.

Wir nehmen an, du schreibst einen formellen Brief. Das ist ein Brief an eine Firma oder ein Amt. Kein Brief an einen Freund oder ein Familienmitglied. Vielleicht möchtest du dich irgendwo auf einen Job bewerben. Oder du möchtest eine Beschwerde loswerden. Dann schreibst du einen Brief.

Überlege dir zunächst gut, was du schreiben möchtest.

Alles was oben auf dem Brief steht, nennt man Briefkopf. Ganz oben links steht deine Adresse. Du bist der Absender. Schreibe deinen Namen auf und deine Adresse, vielleicht auch deine Mailadresse und Telefonnummer, wenn du so erreicht werden möchtest. Diese Daten können links oben stehen, du kannst sie aber auch rechts oben hinschreiben.

Dann schreibst du links auf die Seite, an wen du den Brief schicken möchtest. Diese Person nennt man Empfänger. Also erst Vorname und Nachname, dann die Straße und Hausnummer und in die letzte Zeile die Postleitzahl und den Ort.

Oben rechts, unter deiner Adresse, steht der Ort, an dem du den Brief schreibst, und das Datum. Also zum Beispiel München, 24. Februar 2020.

Dann kommt die sogenannte Betreffzeile. Du kannst diese fett schreiben, damit man sie gut sieht. Hier schreibst du in einer Zeile, worum es geht. Zum Beispiel: „Ihr Schreiben vom 13.1.2020 bezüglich meiner Kündigung“. Oder „Frage zu Ihren Produkten“.

Nach dem Betreff kommt die Anrede. Sie sollte höflich sein. Standard ist „Sehr geehrte Damen und Herren,“. Am Ende der Anrede kommt ein Komma, der nächste Satz wird klein geschrieben. Wenn Du weißt, welche Person den Brief bekommen soll, schreibst du „Sehr geehrte Frau Müller,“ oder „Sehr geehrter Herr Schmid“.

Als nächstes schreibst du kurz und knapp, worum es geht. Bleibe sachlich und schreibe höflich. Wenn du die Person ansprichst, dann duzt du sie nicht. Siezen ist wichtig. Schreib also „ich bitte Sie“ oder „ich möchte Ihnen mitteilen, dass…“.

Dann schreibst du, worum es geht. Also zum Beispiel „Ich möchte Ihnen mitteilen, dass mein Sohn Hans nicht mehr länger in den Schwimmunterricht kommen kann.“. Oder „Ich weise Sie hiermit darauf hin, dass ich nicht bereit bin, die Kosten für das Verfahren zu tragen.“

Am Ende kommt dann nur noch die Grußformel und deine Unterschrift. Standard ist als Grußformel „Mit freundlichen Grüßen“. Dann schreibst du deinen ganzen Namen. Wenn der Brief mit dem Computer getippt wurde, unterschreibst du anschließend noch einmal per Hand.

Jetzt ist dein Brief fertig. Hole dir einen Briefumschlag, ein Kuvert. Links oben schreibst du deinen Namen und deine Adresse hin, das ist der sogenannte Absender. Rechts unten schreibst du deutlich den Empfänger und seine Adresse hin. Rechts oben klebt dann die passende Briefmarke.

Übrigens: Wenn du sichergehen möchtest, dass dein Brief ankommt und dir das auch bestätigt wird, dann kannst du ihn per Einschreiben schicken. Das kostet dann zwar mehr, aber dafür kannst du beweisen, dass der Brief auch wirklich abgeschickt wurde. Frag einfach beim Postamt nach oder schau im Internet, dort kannst du dir eine Briefmarke ausdrucken.

Ein kleiner Tipp von mir: Schreib doch Menschen, die dir wichtig sind, einen netten Brief und schicke ihn per Post! Sie werden sehr erstaunt sein und sich freuen. Und für dich ist es eine gute Übung.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg206kurz.pdf

SG #200: Menschen mit Behinderung

SG #200: Menschen mit Behinderung

Das hier ist die 200. Episode meines Podcasts Slow German.

Ich habe lange überlegt, über welches Thema ich sprechen soll. Besonders wichtig ist die Frage, wie es Menschen mit Behinderung in Deutschland ergeht.

In Deutschland leben rund 10 Millionen Menschen mit einer Behinderung, davon sind mehr als 7,6 Millionen schwerbehindert. Einer von ihnen ist Steffen Prey (Foto links). Mit ihm habe ich gesprochen, um mehr zu erfahren.

Eine Besonderheit: Das Original-Interview kannst Du Dir hier anhören:

Es ist nicht leicht zu verstehen – wir sprechen normal schnell und durchs Telefon. Daher habe ich es auch abgetippt – hier kannst Du den Text mitlesen (–> PDF).

Noch eine Besonderheit: Zu dieser Folge siehst Du das Premium-Material, auch wenn Du kein Abonnent bist. Also Lernmaterial als PDF am Ende dieser Seite und einen zweiten Player mit der schnelleren Version. Viel Spaß!

Fangen wir mit der Sprache an. Wie spreche ich überhaupt korrekt über dieses Thema? Früher sagte man „Behinderte“. Heute ist es richtiger, „Mensch mit Behinderung“ oder „Mensch mit Beeinträchtigung“ zu sagen. Der Hintergrund dazu: Jeder Mensch ist unterschiedlich. Er definiert sich nicht ausschließlich dadurch, dass er eine Behinderung hat, sondern über viele verschiedene Faktoren. Ein Behinderter ist in erster Linie behindert. Ein Mensch mit Behinderung ist in erster Linie ein Mensch. Auch das englische Wort Handicap wird oft benutzt. Du kannst also auch sagen: Ein Mensch mit Handicap. Oder sogar eingedeutscht „ein gehandicappter Mensch“.

Noch ein Wort hat sich geändert. Während früher Menschen die nicht hören konnten oft als „taubstumm“ bezeichnet worden sind, gilt das heute als Beleidigung. Der richtige Ausdruck ist „gehörlos“. Und dann gibt es natürlich noch die blinden und sehbehinderten Menschen.

Bleiben wir bei den Begriffen, die wir für dieses Thema brauchen. Das Wort Barrierefreiheit fasst viele Dinge zusammen. Zum einen geht es darum, wie zum Beispiel Menschen im Rollstuhl sich in der Stadt fortbewegen können. Gibt es einen Lift zur U-Bahn oder nur eine Rolltreppe? Ist der Gehweg an der Ampel abgesenkt oder hoch? Hat der kleine Laden an der Ecke eine schwere Eisentür oder eine Schiebetür, die sich von selbst öffnet? Zur Barrierefreiheit gehören aber auch andere Bereiche des Lebens, zum Beispiel im Internet. Hat ein Video Untertitel, damit gehörlose Menschen mitlesen können? Gibt es Bildbeschreibungen für Sehbehinderte? In all diesen Bereichen müssen wir darauf achten, dass sie für alle Menschen zugänglich sind.

Wenn ich ins Einkaufszentrum fahre, dann gibt es bestimmte Parkplätze in der Tiefgarage, die mit einem Rollstuhl-Symbol gekennzeichnet sind. Das sind spezielle Parkplätze für Menschen mit einer Behinderung. Hier dürfen aber nicht alle Menschen mit Behinderung parken. Reserviert ist der Parkplatz für blinde Menschen (die natürlich nicht selber fahren, sondern gefahren werden) und für stark gehbehinderte Menschen, also zum Beispiel Rollstuhlfahrer.

Und weil in Deutschland die Behörden alles sehr exakt regeln, gibt es für Menschen mit Behinderung einen sogenannten Schwerbehindertenausweis. Dieser Ausweis zeigt an, welchen Grad einer Behinderung ein Mensch hat. Steht dort beispielsweise ein „G“ bedeutet das, dass der Mensch nicht gut laufen kann, sich also nicht normal bewegen kann. Steht dort ein „H“, dann bedeutet das, dass der Mensch hilflos ist. Das kann beispielsweise bei Demenzerkrankungen so sein. Dann gibt es noch weitere Einstufungen für blinde oder gehörlose Menschen und einige andere. Dieser Ausweis bringt einige Vergünstigungen. Steffen darf zum Beispiel mit einer Begleitperson kostenlos mit dem Bus oder der U-Bahn fahren. Er muss auch weniger bezahlen, wenn er ins Kino geht, denn der Schwerbehindertenausweis ermöglicht ihm günstigere Tickets. Bei manchen Behinderungen müssen die Betroffenen weniger Steuern für ihr Auto bezahlen. Oder sie bekommen kostenlos Hilfe im Alltag von einer so genannten Assistenzperson. Schwerbehinderte bekommen fünf Urlaubstage mehr pro Jahr und sie können in ihrem Job nicht so leicht gekündigt werden wie ein Mensch ohne Behinderung. Außerdem können sie früher in Rente gehen.

Und schon sind wir also beim Staat gelandet und bei unserem deutschen Sozialsystem. In unserem Grundgesetz gibt es den Satz: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Es gibt in Deutschland ein Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Dieses Gesetz soll dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung nicht benachteiligt werden. Sie sollen genauso am Leben in der Gesellschaft teilhaben können wie Menschen ohne Behinderung. Außerdem sollen sie selbstbestimmt leben können, also so, wie sie es möchten. Im Gesetz steht zum Beispiel die Barrierefreiheit drin, aber auch das Recht auf die Verwendung von Gebärdensprache, also der Zeichensprache für Gehörlose. Dieses Gesetz gilt vor allem für Behörden und Schulen – die Wirtschaft muss sich noch nicht daran halten, und das kritisieren viele Menschen.

Was das Schulsystem angeht war es früher ganz klar: Behinderte Kinder gehen auf eine spezielle Schule, und zwar auf eine Sonder- oder Förderschule. Sie sind von ihren gleichaltrigen Freunden ohne Behinderung getrennt. Heute hört man in diesem Bereich sehr oft das Wort Inklusion, da es in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Inklusion bedeutet, dass alle Kinder gemeinsam in die Schule gehen – egal ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Zu diesem Thema gibt es viele Diskussionen und es ist alles nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Die deutsche Regierung hat beschlossen, dass es mehr Inklusion geben soll. Das ist ein Teil des sogenannten Bundesteilhabegesetzes (hier in leichter Sprache nachzulesen). Dieses Paket an Gesetzen soll das Leben von Menschen mit Behinderung verbessern.

Es gäbe noch viel zu erzählen zu diesem Thema. Ich denke man kann zusammenfassen, dass es Menschen mit Behinderung in Deutschland verglichen mit vielen anderen Ländern sehr gut geht. Es gibt ein Sozialsystem, das den Betroffenen finanziell hilft, beispielsweise bei der Anschaffung eines guten Rollstuhls. Es gibt zumindest in den Städten eine befriedigende Barrierefreiheit. Perfekt ist es hier sicher noch lange nicht, aber zumindest ist das Bewusstsein da, dass Menschen mit Behinderung nicht ausgeschlossen werden dürfen.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg200kurz.pdf

Lernmaterial zu dieser Folge herunterladen

Schneller gesprochen? Bitte schön:

SG #187: Der Kindergarten

SG #187: Der Kindergarten

Dieses deutsche Wort kennst du, oder? Kindergarten. Wir verwenden es alle, aber ich habe erst jetzt darüber nachgedacht, was es eigentlich bedeutet. Sind die Kinder im Garten? Oder pflanzen wir dort Kinder an? Sehen wir Kindern beim Wachsen zu, so wie wir es mit Blumen im Garten tun? Den Begriff Kindergarten gibt es seit 1840. Damals hat ihn Friedrich Fröbel erfunden, er war ein deutscher Pädagoge und der Gründer des ersten Kindergartens.

Heute gibt es sehr viele Kindergärten und Kinderbetreuungs-Einrichtungen in Deutschland. Genauer gesagt über 55.000. Fast 94% der Kinder zwischen drei und fünf Jahren gehen in einen Kindergarten. Die jüngeren Kinder gehen in eine Krippe. Wenn in der Einrichtung Krippe und Kindergarten zusammengefasst sind, nennt man das KiTa, Kindertagesstätte. Aber dazu mehr in der Episode über Kinderbetreuung.

Im Kindergarten werden die Kinder von Erziehern betreut. Das heißt, dass dort nicht nur auf sie aufgepasst wird – der Kindergarten ist eine Bildungseinrichtung für kleine Kinder. Hier lernen sie zum Beispiel, was die Jahreszeiten bedeuten, wie man in einer Gruppe miteinander umgeht oder welche Feste es in unserer Kultur gibt.

Entstanden sind die Kindergärten aus einer großen Veränderung in der Geschichte. Zunächst lebten die meisten Deutschen als Bauern auf dem Land. Sie lebten in einer Großfamilie, also mit mehreren Generationen zusammen. Dann kam die industrielle Revolution. Auch Frauen arbeiteten oft in Fabriken, die Menschen zogen in die Städte. Um die Kinder kümmerte sich niemand mehr, viele von ihnen verwahrlosten. Daher gab es einige Pädagogen, die das verhindern wollten. Es entstanden immer mehr Einrichtungen, in denen man sich um die Kinder kümmerte.

Die Nazis fanden Kindergärten toll – denn hier konnte man die Kinder so heranziehen, wie man es im System brauchte. Starke, gehorsame Jungs, die gute Soldaten werden sollten, und brave Mädchen, die später fleißige Mütter sein sollten um für Nachwuchs zu sorgen. Nach dem Krieg wurde Deutschland geteilt – und auch die Kinderbetreuung veränderte sich in Ost und West. Im Westen versuchte man, die Kinder zu freien Persönlichkeiten zu erziehen. Im Osten war wichtig, dass die Kinder lernten, im sozialistischen System zu leben.

Heute gehen wie gesagt fast alle Kinder in Deutschland in den Kindergarten. Es gibt Kindergärten, die von der Stadt oder Gemeinde betrieben werden, also bezahlt werden. Es gibt Kindergärten, die von der evangelischen oder katholischen Kirche finanziert werden. Und es gibt so genannte Elterninitiativen – hier schließen sich Eltern zusammen, um die Betreuung ihrer Kinder zu gewährleisten. Es gibt Kindergärten, die sich nach den Ideen von Maria Montessori richten oder nach denen von Emmi Pikler oder Friedrich Fröbel. Es gibt auch Waldkindergärten – dort sind die Kinder nicht in einem Haus untergebracht, sondern meistens draußen in der Natur. Und es gibt natürlich auch Kindergärten, die von Firmen betrieben werden – und in denen die Kinder gleich eine Fremdsprache lernen oder Yoga.

Ganz unterschiedlich sind daher auch die Kosten für einen Kindergartenplatz: In manchen Gemeinden ist die Betreuung umsonst, in anderen und vor allem in privaten Kindergärten kann sie viele hundert Euro im Monat kosten.

Seit 2013 gibt es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kindergarten- oder Krippenplatz vom ersten Lebensjahr bis zur Einschulung. Das heißt dass eigentlich alle Kinder betreut werden sollten, wenn die Eltern es wünschen. Vor allem in Großstädten funktioniert das leider nicht: es gibt zu wenig Räume und zu wenig Personal für neue Kindergärten.

Wer sein Kind in den Kindergarten bringen möchte, der muss also erst versuchen, einen Platz zu bekommen. Das ist in Großstädten oft damit verbunden, dass man wie für einen Job zu verschiedenen Bewerbungsgesprächen gehen muss. Hat man dann einen Platz bekommen, gibt es eine Zeit der Eingewöhnung. Hier begleitet ein Elternteil das Kind in den ersten Tagen oder Wochen – das wird in jedem Kindergarten anders gehandhabt.

Der Kindergarten ist eine gute Möglichkeit für Einzelkinder, das Sozialverhalten mit anderen Kindern zu üben. Außerdem ist der Kindergarten ebenfalls perfekt dafür geeignet, Kindern aus anderen Ländern die Sprache und Kultur beizubringen, bevor sie in die Schule kommen.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg187kurz.pdf