Immer mehr Menschen wünschen sich mehr Freizeit und weniger Stress im Beruf. Deshalb hört man in den letzten Jahren oft einen Begriff: die Vier-Tage-Woche. Die Idee ist einfach. Statt an fünf Tagen pro Woche zu arbeiten, arbeiten die Beschäftigten nur an vier Tagen. Dabei gibt es allerdings verschiedene Modelle. Manche Menschen arbeiten an vier Tagen jeweils etwas länger und kommen so auf die gleiche Zahl von Arbeitsstunden wie vorher. Andere arbeiten tatsächlich weniger Stunden und erhalten trotzdem ihr volles Gehalt. Genau dieses Modell wird besonders häufig diskutiert.
Aber schauen wir erstmal in die Geschichte. Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen zweihundert Jahren stark verändert. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren 14 bis 16 Stunden Arbeit pro Tag normal. Sechs Tage die Woche. Während der Industrialisierung waren dann Arbeitstage von 10 bis 12 Stunden keine Seltenheit. Es gab kaum Urlaub, und viele Fabrikarbeiter hatten nur den Sonntag frei.
Mit der Zeit entstanden Gewerkschaften, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten. 1918, also gleich nach dem Ersten Weltkrieg, gab es in Deutschland die Novemberrevolution. Unternehmer und Gewerkschaften einigten sich damals auf den Acht-Stunden-Tag.
Von einer Kampagne möchte ich Dir erzählen. Sie startete 1955, mitten im deutschen Wirtschaftswunder. Damals lief die Wirtschaft so gut, dass viele Fabrikarbeiter Überstunden machten. Sie arbeiteten also mehr als die Stunden, für die sie bezahlt wurden. 48 Stunden waren das im Durchschnitt pro Woche. Auch am Samstag mussten die Männer – es waren damals vor allem Männer – arbeiten.
Also sagten die Gewerkschaften: Fünf Tage pro Woche, 40 Stunden Arbeit. Und der Samstag ist frei. 1956 wurden die Plakate dafür gedruckt. Der Slogan war „Samstags gehört Vati mir“. Nach und nach wurden die Arbeitszeiten reduziert. Aus der Sechs-Tage-Woche wurde in vielen Berufen eine Fünf-Tage-Woche. 1959 begann es bei den Beschäftigten im Steinkohlebergbau, dann folgten Versicherungen und Banken und so weiter.
In den 1980er-Jahren war ich ein Kind, und ich erinnere mich gut daran, dass es immer wieder das gleiche Thema in den Nachrichten gab: Den Kampf um die 35-Stunden-Woche. Das hatte aber einen ganz anderen Grund als zuvor: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland war sehr hoch. 1985 stieg sie auf 9,3 Prozent. Zum Vergleich: Heute im Jahr 2026 liegt sie bei 6,5 Prozent, 2019 waren es sogar nur 5 Prozent. Jedenfalls kam damals die Idee auf: Wenn alle Menschen weniger arbeiten, dann haben mehr Menschen Arbeit. Es kam zu Streiks in der Metallindustrie. Die Menschen kämpften für die 35-Stunden-Woche. Die Arbeitgeber fanden das gar nicht gut. Sie sperrten Hunderttausende Beschäftigte einfach aus. Sie durften also nicht arbeiten und bekamen gar kein Geld mehr. Sieben Wochen dauerte dieser Streik. Am Ende einigte man sich auf einen Kompromiss: 38,5 Stunden pro Woche. 1995 gab es dann wirklich die 35 Stunden-Woche.
Heute ist die Fünf-Tage-Woche in Deutschland der Normalfall, auch wenn Menschen in manchen Berufen weiterhin am Wochenende arbeiten müssen. Dazu gehören zum Beispiel Pflegekräfte, Polizisten, Busfahrer oder Mitarbeiter in Restaurants.
Auch die tägliche Arbeitszeit wurde kürzer. In Deutschland gilt heute das Arbeitszeitgesetz. Es legt fest, dass Beschäftigte grundsätzlich nicht länger als acht Stunden pro Werktag arbeiten sollen. Unter bestimmten Bedingungen sind bis zu zehn Stunden möglich, wenn die durchschnittliche Arbeitszeit innerhalb eines festgelegten Zeitraums wieder sinkt. Wir sind gerade im Westen bei 37,5 Stunden und im Osten bei 38,6 Stunden im Durchschnitt.
Die Diskussion über die Vier-Tage-Woche begann schon vor vielen Jahren, wurde aber besonders nach der Corona-Pandemie intensiver. Während der Pandemie arbeiteten viele Menschen im Homeoffice. Sie merkten, dass sich ihre Arbeitsweise veränderte. Unternehmen stellten fest, dass manche Aufgaben auch mit flexibleren Arbeitszeiten gut erledigt werden konnten. Gleichzeitig sprechen viele Menschen heute mehr über ihre psychische Gesundheit und über die Balance zwischen Beruf und Privatleben.
Ein weiterer Grund für die Diskussion ist der Fachkräftemangel. Viele Unternehmen suchen dringend neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einige hoffen, dass eine Vier-Tage-Woche den Arbeitsplatz attraktiver macht. Wenn Beschäftigte mehr Freizeit haben, entscheiden sich vielleicht mehr Menschen für dieses Unternehmen.
In den vergangenen Jahren wurden in verschiedenen Ländern Studien und Testprojekte durchgeführt. Besonders bekannt ist ein großer Versuch im Vereinigten Königreich. Mehrere Dutzend Unternehmen testeten dort die Vier-Tage-Woche über mehrere Monate. Viele Firmen berichteten anschließend, dass die Produktivität gleich blieb oder sich sogar verbesserte. Gleichzeitig gaben viele Beschäftigte an, dass sie zufriedener waren und sich weniger gestresst fühlten.
Auch in Deutschland gibt es Unternehmen, die mit einer Vier-Tage-Woche experimentieren. Manche Betriebe berichten von positiven Erfahrungen. Die Mitarbeiter fehlen seltener wegen Krankheit und fühlen sich stärker mit ihrem Arbeitgeber verbunden. Andere Unternehmen stellen jedoch fest, dass das Modell nicht für jede Branche geeignet ist.
Denn die Arbeit ist sehr unterschiedlich. In einem Büro lassen sich Aufgaben oft flexibel organisieren. In einem Krankenhaus, einer Bäckerei oder einem Hotel ist das schwieriger. Dort müssen Menschen auch dann arbeiten, wenn Kunden oder Patienten Hilfe brauchen. Wenn alle Beschäftigten einen Tag weniger arbeiten, muss das Unternehmen zusätzliches Personal finden. Das ist nicht immer einfach.
Außerdem bedeutet eine Vier-Tage-Woche nicht automatisch, dass weniger gearbeitet wird. Manche Beschäftigte arbeiten an vier Tagen jeweils zehn Stunden. Sie haben zwar einen zusätzlichen freien Tag, sind an den Arbeitstagen aber länger im Betrieb. Andere Modelle verkürzen dagegen tatsächlich die Wochenarbeitszeit. Dann stellt sich die Frage, ob die gleiche Arbeit in weniger Zeit erledigt werden kann.
Experten sprechen in diesem Zusammenhang oft über Produktivität. Damit ist gemeint, wie viel Arbeit in einer bestimmten Zeit geschafft wird. Wenn Arbeitsabläufe besser organisiert sind, können Beschäftigte manchmal in kürzerer Zeit genauso viel erreichen. Weniger Besprechungen, weniger Unterbrechungen und eine bessere Planung können dabei helfen.
Es gibt aber auch Kritik an der Vier-Tage-Woche. Manche Wirtschaftsverbände befürchten, dass Unternehmen höhere Kosten haben könnten, wenn sie den gleichen Lohn für weniger Arbeitsstunden zahlen. Andere sagen, dass Deutschland wegen des demografischen Wandels eigentlich mehr Arbeit brauche und nicht weniger. Die Bevölkerung wird älter, und viele Menschen gehen in den nächsten Jahren in Rente. Dadurch fehlen Arbeitskräfte in vielen Berufen.
Auch Arbeitnehmer sehen das Thema unterschiedlich. Einige wünschen sich mehr Freizeit, um Zeit mit der Familie zu verbringen oder Hobbys nachzugehen. Andere würden lieber mehr Geld verdienen als einen zusätzlichen freien Tag zu haben. Wieder andere arbeiten bereits in Teilzeit und organisieren ihre Arbeitszeit ganz individuell.
Die Diskussion zeigt, dass sich die Arbeitswelt ständig verändert. Vor hundert Jahren erschien die Fünf-Tage-Woche vielen Menschen ungewöhnlich. Heute ist sie selbstverständlich. Ob die Vier-Tage-Woche eines Tages ebenso normal wird, lässt sich noch nicht sagen. Sicher ist aber, dass Unternehmen, Beschäftigte, Gewerkschaften und Politiker weiterhin darüber diskutieren werden, wie Arbeit in Zukunft organisiert werden kann.
Für mich gilt das alles nicht: Ich bin Freiberuflerin. Ich arbeite zu Hause und produziere drei Podcasts. Und ich danke Dir, dass Du mich dabei bei Patreon oder auf slowgerman.com unterstützt.
Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg253kurz.pdf

Hallo Annik. Vielen Dank für deine Arbeit, ganz gleich, ob du einen, zwei oder fünf Tage pro Woche arbeitest.
😉