SG #194: Das deutsche Schulsystem (aktualisiert)

SG #194: Das deutsche Schulsystem (aktualisiert)

Das Schulsystem war bereits Thema in Slow German #025 vom 29. April 2008. Dies hier ist eine aktualisierte Folge.

In Deutschland gibt es eine Schulpflicht. Jedes Kind muss also eine Schule besuchen. Das so genannte Homeschooling, also den Unterricht zu Hause, gibt es nicht. Alle Jungen und Mädchen gehen in die Schule.
Mit sechs Jahren kommt ein Kind hier in die Schule. Das nennt man Einschulung. Manche Kinder kommen auch schon mit fünf Jahren in die Schule – oder erst mit sieben Jahren. Darüber entscheidet entweder das Gesetz, oder die Eltern gemeinsam mit den Lehrern. Im Schuljahr 2016/2017 wurden 721.000 Kinder in Deutschland eingeschult. Insgesamt gingen in diesem Jahr 8,4 Millionen Kinder in die Schule. 9 Prozent der Kinder gehen in eine private Schule, der Rest in staatliche Schulen. Diese staatlichen Schulen kosten nichts. Sie werden durch Steuern finanziert.
Mindestens neun Jahre lang müssen alle Kinder in Deutschland in die Schule gehen. Wenn ein Kind nicht in der Schule erscheint, kann es passieren, dass die Polizei zu Hause auftaucht und das Kind abholt.
Die Schule ist nicht in jedem Bundesland gleich. Jedes Bundesland darf selber entscheiden, wie es die Kinder unterrichtet. Hier in Bayern zum Beispiel gibt es viel Religionsunterricht in der Grundschule. In der dritten und vierten Klasse sind es drei Stunden pro Woche. Die Lehrpläne sind unterschiedlich. Ein Lehrplan ist ein aufgeschriebenes Dokument, an das sich alle Lehrer halten müssen. Hier steht geschrieben, was die Kinder in den verschiedenen Schuljahren lernen müssen. Schwierig ist es also für Kinder, deren Eltern umziehen. Denn überall ist die Schule anders.

Und so funktioniert das Schulsystem: Die Kinder gehen zunächst in die Grundschule. Das Schuljahr beginnt nach den großen Ferien im Sommer, also je nach Bundesland im Juli bis September. In den meisten Bundesländern dauert die Grundschule vier Jahre lang – in manchen auch sechs Jahre lang.

Danach müssen die Eltern entscheiden, wie es für das Kind weitergeht. Sind die Noten sehr gut? Oder eher nicht? Die Noten werden in Deutschland von 1 bis 6 vergeben. Eine eins ist die beste Note, eine sechs die schlechteste. In der vierten Klasse der Grundschule geht es also um den so genannten Übertritt in eine weiterführende Schule. Es gibt die Hauptschule, Realschule, das Gymnasium und die Gesamtschulen.

Aber das ist nicht alles, denn auch die Art der Schulen ist wieder in jedem Bundesland anders. In Bayern gibt es zum Beispiel die Mittelschule, in Bremen die Oberschule, in Thüringen die Regelschule. Kompliziert, oder?

Merkt Euch folgendes: Nach der Grundschule entscheiden die Noten des Kindes, wie es weitergeht. Es kann dann entweder einen Weg wählen, der in Richtung eines handwerklichen Berufes führt, oder in Richtung eines akademischen Berufes.

Der schnellste Abschluss ist nach neun Jahren möglich. Danach kann der Teenager eine Berufsausbildung anfangen. Die höchste Form der weiterführenden Schulen ist das Gymnasium, das bis zur 12. oder 13. Klasse dauert und die Schüler und Schülerinnen auf ein Studium an der Universität vorbereiten soll. 44 Prozent der Kinder wollen auf das Gymnasium.

Im Gymnasium lernen die Kinder Fremdsprachen, Chemie, Physik und ähnlich komplizierte Fächer. Der Schüler oder die Schülerin spezialisiert sich immer mehr auf die eigenen Interessen. Die letzten zwei Jahre auf dem Gymnasium bezeichnet man als Kollegstufe. Hier hat man so genannte Leistungskurse und Grundkurse. Ich hatte zum Beispiel als Leistungskurse Deutsch und Englisch, jeweils 6 Stunden pro Woche. Fächer, die man überhaupt nicht mag, kann man abwählen. Das heißt, man muss sie nicht mehr machen. Das geht aber natürlich nur begrenzt. Ich hatte Glück und konnte Chemie abwählen.

Wer das Gymnasium mit dem so genannten Abitur abschließt, darf an einer Universität studieren. Das Abitur machen die deutschen Jugendlichen mit 18 oder 19 Jahren. Danach können sie studieren. Das Abitur ist übrigens auch in jedem Bundesland unterschiedlich.
Über das Schulsystem wird in Deutschland viel diskutiert. Kritisiert wird oft, dass die Kinder schon im Alter von zehn Jahren gezwungen werden, sich für einen Schulweg zu entscheiden. Das sei viel zu früh, sagen Experten. Kritisiert wurde auch oft, dass das Gymnasium bis zur 13. Klasse dauert. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist das zu lang. Daher wurde die Zeit um ein Jahr verkürzt – aber auch das brachte keinen Erfolg. Also wurde sie wieder verlängert. Es ist ein ständiges hin und her.

Die Kinder gehen übrigens in Deutschland meist nur am Vormittag in die Schule. Sie beginnt gegen acht Uhr morgens und endet um eins. Im Gymnasium kommt manchmal Nachmittagsunterricht dazu, also zwei Stunden Sport oder im höchsten Fall vier Stunden Unterricht. Selten gibt es in Deutschland Ganztagsschulen wie in anderen Ländern – aber das wird immer häufiger von den berufstätigen Eltern gefordert.
Es gibt nach der Schule verschiedene Möglichkeiten der Betreuung. Zum Beispiel eine Mittagsbetreuung, einen Hort oder ein Tagesheim. Dort bekommen die Kinder Essen und sie können ihre Hausaufgaben machen.

Die Sommerferien dauern sechs Wochen lang. Dazu gibt es je nach Bundesland noch weitere Ferien. Hier in Bayern zum Beispiel eine Woche Herbstferien, zwei Wochen Weihnachtsferien, zwei Wochen Osterferien und zwei Wochen Pfingstferien. Ganz schön viel, oder?

Hier gibt es eine Aufstellung darüber, wie das Schulsystem in den einzelnen Bundesländern geregelt ist: https://www.bildungsxperten.net/wissen/das-schulsystem-in-deutschland-funktionen-und-aufgaben/.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg194kurz.pdf

SG #192: Online-Shopping

SG #192: Online-Shopping

Vor elf Jahren habe ich eine Slow German-Episode über das Einkaufen aufgenommen. Heute erzähle ich Dir etwas über das Online-Shopping in Deutschland. Denn es wird immer wichtiger für die Deutschen, sich etwas im Internet zu bestellen. Entschuldige bitte, dass ich diesen Anglizismus verwende, aber er hat sich in der deutschen Sprache längst für das Einkaufen im Internet eingebürgert.

Ungefähr 50 Millionen Menschen in Deutschland sind Online-Käufer. Besonders oft kaufen sie Schuhe und Kleidung. Was nicht passt, wird einfach wieder zurückgeschickt. Aber auch Möbel, Spielzeug und andere Dinge werden gerne per Online-Shopping bestellt. Wer bald in den Urlaub fährt, der bucht gerne sein Hotel oder den Flug im Internet, nachdem er die Preise verglichen und den günstigsten Anbieter gefunden hat. Und auch für Eintrittskarten wird online viel Geld ausgegeben.

Vor allem wenn der Winter kommt und das Weihnachtsfest vor der Tür steht, sind die Lieferungen praktisch. Am Abend auf der Couch bestelle ich kurz die Geschenke, ein paar Tage später stehen sie bei mir vor der Tür. Das ist das Online-Shopping-Wunder. Allerdings genießen es auch viele Menschen, einen entspannten Einkaufsbummel in der Fußgängerzone zu machen. Dort kann man sich besser als im Internet inspirieren lassen, wenn man eigentlich noch keine Idee für ein Geschenk hat. Und gemeinsam einen Shopping-Bummel zu machen macht auch mehr Spaß als alleine am Computer zu sitzen, oder?

Mir selber ist aufgefallen, dass es immer schwieriger wird, etwas zu verschenken. Früher habe ich oft Musik verschenkt, also CDs. Oder auch DVDs von guten Filmen. Heute haben meine Freunde aber ein Spotify- oder Netflix-Abo, da fallen diese Art von Geschenken komplett weg.

Auch wenn viele Läden anbieten, Lebensmittel nach Hause zu liefern, gehen die Deutschen aber nach wie vor lieber selber in den Supermarkt, um ihr Essen einzukaufen. Ich selber lasse mir einmal pro Woche viele Lebensmittel über die sogenannte Ökokiste liefern. Das ist ein Lieferdienst für regionale und ökologisch angebaute Produkte. Sie werden mir in großen Plastikkisten ohne Verpackung geliefert und in der nächsten Woche werden die leeren Kisten wieder mitgenommen. Für Milchprodukte gibt es eine extra Kühlkiste mit Styropor, damit alles frisch bleibt. Ich finde das sehr praktisch. Den Rest der Lebensmittel kaufe ich im Supermarkt.

Das Online-Shopping ist sehr bequem, aber viele Menschen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie online einkaufen. Denn da sind zum Beispiel die Fahrer und Fahrerinnen, die das Paket zu mir bringen müssen und dafür sehr schlecht bezahlt werden. Dann schade ich durch den Einkauf den kleinen Läden in meiner Nähe, die dadurch Verluste haben. Ich verursache Verpackungsmüll. Und vor allem sind riesige Online-Shops wie Amazon fast schon übermächtig, weil man bei ihnen alles auf einen Klick bekommt. Die Registrierung wird immer einfacher, das Bestellen immer schneller. Aber die Mitarbeiter werden oft nicht gut behandelt. Deswegen versuche ich, bei kleinen Online-Shops zu kaufen. Auch wenn das länger dauert und oft teurer ist. Und ich lasse mir keine Ware aus China oder anderen entfernten Ländern schicken. Sonst haben wir wieder ein Problem mit dem Umweltschutz…

Unschlagbar ist der Verkauf im Internet, weil es dort einfach alles gibt. Mir ist es schon oft passiert, dass ich im Laden etwas bestimmtes kaufen wollte und es dort einfach nicht gefunden habe. Ein paar Klicks im Internet und ich hatte es bestellt. Genauso mit Hosengrößen, bestimmten Sammlerobjekten oder größeren Mengen von Dingen. Ich lese auch gerne Bewertungen von Produkten, auch wenn ich weiß, dass diese manchmal nicht echt sind. Was es im Internet aber eben nicht gibt, das sind echte Menschen, mit denen ich sprechen kann. Wenn ich zum Beispiel ein Buch kaufen möchte, dann finde ich es toll, wenn mich eine Buchhändlerin oder ein Buchhändler mit einem Buch überrascht, auf das ich selber nie gekommen wäre, weil der Algorithmus im Internet nie gedacht hätte, dass es zu mir passt.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg192kurz.pdf

SG #185: Alexander von Humboldt

SG #185: Alexander von Humboldt


Ich war vor kurzem in Berlin. Dort fiel mir auf, dass überall der Name „Humboldt“ auftaucht. Es gibt die Humboldt-Universität, das Humboldt Forum, ein Humboldt-Denkmal und natürlich auch eine Humboldt-Straße. Wer steckt hinter diesem Namen? Es ist ein Herr namens Alexander von Humboldt, der in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag feiert und ein deutscher Naturforscher war.

Ich erzähle dir etwas von seinem Leben. Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt wurde am 14. September 1769 in Berlin geboren. Er hatte einen zwei Jahre älteren Bruder namens Wilhelm. Sie lebten auf einem Schloss und waren adelig.

Alexander beschäftigte sich als Kind gerne mit Insekten, Steinen und Pflanzen. Er zeichnete gerne. Beide Brüder landeten nach einigen Umwegen in Göttingen, um dort zu studieren. Alexander studierte Staatswirtschaft, besuchte Vorlesungen in Physik, Medizin und anderen Fächern. Dann wurde er Bergwerks-Experte.

1799 folgte die erste Forschungsreise, und zwar nach England und zurück über Paris. Als die Mutter starb, erbten die Söhne genug um finanziell unabhängig zu sein. Alexander wollte reisen und forschen. Er ging nach Paris und später nach Spanien – und dann bekam er die Chance mit einem Botaniker zusammen fünf Jahre lang durch Süd- und Mittelamerika zu reisen.

Unterwegs sammelten sie unzählige Daten und Proben. Alexander interessierte sich eigentlich für alles. Für Vulkane und Landkarten, Magnetismus und Botanik, Zoologie und Ethnologie, Wirtschaft und Bergbau bis Meteorologie und Meereskunde. Er war das, was wir heute ein Universalgenie nennen. Er wollte verstehen, wie alle Dinge zusammenhängen. Deswegen schrieb er auch lange an seinem Lebenswerk, dem „Kosmos“, in dem er das gesamte Wissen der Welt aufschreiben wollte.

Nach der großen Amerika-Reise schrieb er ein mehr als 30-bändiges Werk über seine Erlebnisse. Seine zweite große Expedition brachte ihn nach Russland, da war er aber schon 60 Jahre alt.

Der Forscher war durchaus ein politischer Mensch. Er kritisierte die Sklaverei. Er war für die Gleichheit aller Menschen. Ihm waren die Menschenrechte wichtig. Wilhelm und Alexander lernten übrigens Goethe und Schiller kennen – nur damit du dir vorstellen kannst, zu welcher Zeit sie lebten. Alexander starb am 6. Mai 1859, er wurde also 89 Jahre alt.

Heute ist der Name Humboldt überall zu finden. Eine Pinguinart wurde nach ihm benannt, ein Kaktus, ein Segelschiff, ein Berg, ein Fluss, eine Bucht, viele Schulen, ein Gletscher, ein Nationalpark, zwei Asteroiden, ein Mondkrater, ein Schnellzug und noch viele andere Dinge.

Es gibt zwei Bücher, die ich dir zum Thema empfehlen kann. Das eine ist 2005 erschienen. Der Autor ist Daniel Kehlmann. Der Roman heißt „Die Vermessung der Welt“. Darin hat Daniel Kehlmann Humboldt und den Mathematiker Carl Friedrich Gauß zusammengebracht. Es war lange ein Bestseller. Ebenso ein Bestseller ist „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ von Andrea Wulf. In diesem Buch wird gezeigt, dass der große Naturforscher ein ganz neues Denken propagierte – und die Natur in den Mittelpunkt stellte.

Es gibt übrigens einen interessanten Humboldt-Twitter-Account: @AvHChrono.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg185kurz.pdf

SG #181: Die deutsche Sprache – Geschichte der Sprache

SG #181: Die deutsche Sprache – Geschichte der Sprache

Mehr als 100 Millionen Menschen sprechen die deutsche Sprache. Vor allem in Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein. Aber auch in Teilen von Belgien, Luxemburg, Dänemark und Italien wird deutsch gesprochen. Aber wie ist diese Sprache eigentlich entstanden?

Reisen wir also in die Vergangenheit. Sprachforscher haben herausgefunden, dass viele Sprachen in Europa und Asien einen gemeinsamen Ursprung haben. Sie nannten diese Sprachen deswegen indogermanische Sprachen. Dazu gehörte auch die ursprüngliche Sprache, die im heutigen Deutschland gesprochen wurde. Die verschiedenen Sprachen entwickelten sich natürlich immer weiter. Aber das dauerte sehr lange. Man schätzt, dass es sogar ein bis zwei Jahrtausende dauerte, bis sich die germanische Sprache aus dem Indogermanischen entwickelte.

Wir müssen uns das alles aber so vorstellen: Die Welt war damals überhaupt nicht dicht besiedelt. Es lebte hier ein Grüppchen Menschen, dann kam lange nichts, also nur Wiesen und Wälder, und dann viele Kilometer entfernt lebte wieder ein Grüppchen Menschen. Die verschiedenen Völker und Stämme blieben also unter sich. Sie vermischten sich nicht. Sie trafen sich so gut wie nie. Es wurde natürlich wenig gereist. Wenn man doch reiste, dann zu Fuß – und nicht besonders weit. Wozu auch? Die Menschen hatten in dieser Zeit wenig Gründe, zu reisen. Jeder germanische Stamm sprach daher seine eigene Stammessprache. Sie hatte sich über Jahrhunderte entwickelt und verändert. Die Sprache hatte außerdem damals keine festgelegten Regeln wie heute.

Doch dann änderten sich die Zeiten. Und immer wenn sich die Geschichte änderte, sich also das Leben der Menschen merklich veränderte, änderte sich natürlich auch die Sprache. Es gab zum Beispiel Völkerwanderungen, die Menschen legten jetzt große Strecken zurück – und sie nahmen ihre Sprache natürlich mit auf die Reise. Dann gab es noch andere Einflüsse für jede Sprache – zum Beispiel kamen die Römer in das Gebiet, das heute Deutschland ist. Also übernahmen die Germanen viele lateinische Wörter von ihnen.

Nach dem Zerfall des Römischen Reiches wurde alles wieder anders. Die germanischen Stämme wurden christianisiert. Die christliche Kirche hatte danach einen großen Einfluss auf die Menschen. Die gemeinsame Volkssprache wurde wichtiger, damit man sich auch verständigen konnte. Also wurde aus vielen kleinen Sprachen in einer Region sozusagen eine größere Sprache, genannt Dialekt.

Und jetzt sind wir auch schon in der Zeit, in der das Wort „deutsch“ zum ersten Mal geschrieben auftaucht. Im Jahr 786 ist es soweit. Die älteste schriftlich überlieferte Sprachform des Deutschen nennt man Althochdeutsch. Es wurde zwischen 750 und 1050 verwendet. Wir würden heute nichts davon verstehen, es war eine komplett andere Sprache. Und Ihr als Deutschlernende werdet Euch wahrscheinlich ärgern, dass es das Althochdeutsche jemals gab. Denn in dieser Zeit erschienen plötzlich die Artikel, die es vorher noch nicht gegeben hatte. Deswegen müsst Ihr Euch heute also mit „der“, „die“ und „das“ herumärgern. Auch das System der Zeiten hatte sich geändert, die Grammatik wurde insgesamt etwas komplizierter.

In der Sprachgeschichte wird oft das Wort „Lautverschiebung“ verwendet. Das ist recht kompliziert, und wir müssen hier nicht lange darauf eingehen. Es bedeutet aber letztlich, dass sich die Aussprache stark verändert hat und bestimmte Buchstaben anders ausgesprochen wurden als vorher. So klang die Sprache nach der Lautverschiebung völlig anders. Gegenden, in denen die Lautverschiebung nicht stattfand, sprachen weiter so wie vorher. Und so entwickelten sich verschiedene Sprachgruppen voneinander weg. Deswegen können wir hier in Deutschland heute die Niederländer nicht wirklich verstehen – obwohl die Sprachen den gleichen Ursprung hatten.

Von 1050 bis 1350 gab es dann im Mittelalter das Mittelhochdeutsch. Es wurde in dieser Zeit auch immer mehr geschrieben und nicht nur gesprochen, allerdings schrieben die Menschen in vielen verschiedenen Varianten. Und weil Frankreich viel Einfluss hatte, übernahmen die Menschen damals auch viele französische Wörter in ihren Sprachgebrauch. In dieser Zeit entstand übrigens auch das Nibelungenlied, über das es eine eigene Podcast-Episode gibt.

Text / Foto: Larissa VassilianLangsam kommen wir zur Entwicklung der heutigen deutschen Sprache. Man nennt die Anfänge davon „Frühneuhochdeutsch“. Schwieriges Wort, oder? Diese Phase dauerte von 1350 bis 1650. Der Handel war sehr wichtig in dieser Zeit, und das bedeutete, dass Kaufleute aus verschiedenen Regionen miteinander kommunizieren mussten. Dialekte waren schwer zu verstehen, also versuchte man, eine gemeinsame deutsche Sprache zu finden. Es gab auch die ersten Universitäten, Kultur und Bildung wurden wichtiger.

Und dann passierte etwas sehr entscheidendes für die deutsche Sprache: 1446 erfand Johannes Gutenberg den Buchdruck. Bücher mussten also nicht länger per Hand abgeschrieben werden – man konnte sie drucken. Sie wurden dadurch billiger und es gab viel mehr davon. Viele Bücher wurden zu dieser Zeit noch in Latein gedruckt, aber langsam setzte sich auch hier die deutsche Sprache durch. Langsam versuchten die Menschen dann noch Regeln für ihre Sprache aufzustellen. Zum Beispiel dass alle Substantive groß geschrieben werden sollten. Es dauerte lange, um solche Regeln durchzusetzen. Martin Luther übersetzte die Bibel in die deutsche Sprache und sorgte damit dafür, dass viele Wörter und Redewendungen verbreitet wurden.

Erst von 1650 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts entstand eine wirklich einheitliche deutsche Literatursprache. Danach gab es dann auch eine moderne Sprachwissenschaft. Zu den bekanntesten Sprachwissenschaftlern dieser Zeit gehören die Gebrüder Grimm, die Ihr durch die Märchen kennt. Sie schrieben nämlich 1854 das „Deutsche Wörterbuch“.

Bis vor knapp 100 Jahren gab es allerdings noch keine einheitliche Rechtschreibung. Jeder konnte Wörter also so schreiben, wie er es für richtig hielt. 1880 versuchte Konrad Duden das zu ändern – und er schaffte es. Bis heute sind die gelben Duden-Bücher weit verbreitet.

Und heute? Heute werden in verschiedenen Regionen Deutschlands unterschiedliche Dialekte gesprochen. Allerdings gibt es viele Menschen, die gar keine Dialekte mehr beherrschen. Die gemeinsame Sprache nennt sich Standardsprache oder auch Hochdeutsch. So wird beispielsweise im Fernsehen oder Radio gesprochen und das versteht auch jeder Deutsche. So ist auch dieser Podcast verfasst.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg181kurz.pdf

SG #173: Der Duden

SG #173: Der Duden

Auf vielen deutschen Schreibtischen steht ein dickes, gelbes Buch. Es ist der Duden. Das ist ein Rechtschreibwörterbuch. Wenn ich also nicht weiß, wie ich ein Wort richtig schreibe, kann ich hier nachsehen.

Duden / Foto: Larissa Vassilian1880 wurde das erste dieser Wörterbücher veröffentlicht. Sein Erfinder war Konrad Duden. Auf 187 Seiten standen 27.000 Stichwörter. Warum war so ein Buch wichtig? Damals schrieb jeder so, wie er wollte. Dadurch wurde es ganz schön schwer, manche Dinge zu lesen. Eine Vereinheitlichung musste her. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es im geteilten Deutschland auch zwei Bücher: Den Ostduden und den Westduden. Die Schreibweise der Wörter war zwar gleich, aber der Wortschatz war ein anderer.

1955 wurde beschlossen, dass die Rechtschreibung aus dem Duden verbindlich ist – sie war also die richtige Rechtschreibung, an die sich von nun an alle halten sollten. Man nannte das auch das Dudenmonopol – das Buch hatte also ein Monopol darauf, die Rechtschreibung zu regeln.

Das ist heute nicht mehr so – 1996 gab es nämlich in Deutschland eine große Rechtschreibreform. Vieles wurde geändert. Das Monopol gibt es seitdem nicht mehr. An Wörterbüchern kann jeder sofort erkennen, dass sich die deutsche Sprache ständig verändert. Es kommen neue Wörter hinzu, andere werden nicht mehr verwendet und verschwinden dann auch aus dem Wörterbuch.

Duden / Foto: Larissa VassilianIm August 2017 erschien die aktuelle Ausgabe. 145.000 Stichwörter sind darin zu finden. 5000 neue Wörter wurden aufgenommen, zum Beispiel „Brexit“ oder „Flüchtlingskrise“. Aber auch Anglizismen wie „Fake News“ oder „Selfie“ stehen jetzt im Duden. Das längste deutsche Wort ist laut Duden das Wort „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“, also ADHS.

Die Redaktion betont, dass sie die Sprache beobachtet und dann im Buch abbildet. Sie achtet also darauf, wie wir alle sprechen – und genau diese Wörter werden wir dann auch im Wörterbuch finden.

Mittlerweile gibt es den Duden natürlich auch online – Ihr könnt ihn gerne mal testen! Die Adresse lautet duden.de.

Falls Ihr das Buch kaufen wollt würde ich mich freuen, wenn Ihr es über diesen Link tut – dann bekomme ich etwas davon ab (Affiliate-Link):
Amazon USA / Amazon Deutschland

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg173kurz.pdf

SG #171: Glashütte Uhren

SG #171: Glashütte Uhren

Heute erzähle ich Euch eine Geschichte, die vor langer Zeit begann. 1845 ging es den Menschen in Sachsen schlecht. Vorher hatten sie vor allem vom Silber in der Region gelebt – aber es wurde immer weniger Silber gefunden. Also hatte Ferdinand A. Lange in der Stadt Glashütte eine Idee: Er gründete ein Uhrenunternehmen. Die Kunst der Uhrmacherei kannte er aus Frankreich, England und der Schweiz.

Copyright: NOMOS Glashütteq

Copyright: NOMOS Glashütte

Die sächsische Landesregierung half ihm: Sie ermöglichte den Bergarbeitern und Strohflechtern eine Ausbildung zum Uhrmacher. Schon bald wurde der Ort Glashütte in Sachsen berühmt für seine edlen, hochwertigen und vor allem handgemachten Uhren. So etwas kannte man sonst nur aus der Schweiz. Glashütte wurde zu einer Uhrenstadt.

Während des Zweiten Weltkriegs mussten Uhrmacher auch Dinge herstellen, die für den Krieg wichtig waren – also bauten sie zum Beispiel Zeitzünder. Nach dem Krieg wurden die Uhrenfirmen in Glashütte enteignet und verstaatlicht. Sie gehörten also fortan dem Staat, denn in der DDR galt der Sozialismus. Alle Betriebe, die in Ostdeutschland Uhren herstellten, wurden zu einem großen Betrieb zusammengefasst.

Dann kam 1990 die Wiedervereinigung, und der staatliche Uhrenbetrieb wurde wieder in die freie Wirtschaft eingegliedert.

Verschiedene Firmen aus Glashütte stehen weiterhin für traditionelles Uhrhandwerk:
„Mühle Glashütte“ ist eine Firma, die seit 1869 in Familienbesitz ist. Gegründet wurde sie von Robert Mühle. Er hatte in der Uhrmacherschule in Glashütte sein Handwerk gelernt.

Der „Glashütter Uhrenbetrieb“ ist das, was vom DDR-Betrieb übrigblieb: Die Arbeiter schlossen sich zusammen und begannen, die neu-alte Marke wieder herzustellen. Sie bauten Uhren unter dem Markennamen „Glashütte Original“. Und dann? Dann wurde der „Glashütter Uhrenbetrieb“ von dem Schweizer Unternehmen Swatch gekauft.

Copyright: NOMOS Glashütte

Copyright: NOMOS Glashütte

„Nomos Glashütte“ wurde erst 1990 gegründet und dementsprechend modern sind auch die Uhren.
Und was wurde aus den „A. Lange & Söhne“-Uhren? Sie gibt es heute wieder, nachdem es 1990 eine Neugründung der Marke gab. Schön ist, dass die Uhren auch heute noch klassisch aussehen. Natürlich wurden sie weiterentwickelt, aber es sind edle Uhren, die sich viele Männer in Deutschland wünschen. Wenn Ihr mal nachschaut werdet Ihr sehen, dass manche dieser Uhren 150.000 Euro kosten.

Würdet Ihr so viel Geld für eine Uhr ausgeben? Viele Menschen tun das, denn eine Uhr ist und bleibt ein Statussymbol. Ob es die berühmte Rolex ist oder eine Glashütte Uhr, das könnte viel über den Träger aussagen, oder? Egal wie teuer eine Uhr aber ist, eines kann sie nicht: Sie kann uns nicht mehr Zeit verschaffen für all die Dinge, die wir noch gerne in unserem Leben tun würden.
Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg171kurz.pdf

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