SG #197 – Gewerkschaft und Betriebsrat

SG #197 – Gewerkschaft und Betriebsrat

Zunรคchst einmal mรถchte ich erklรคren, was eine Gewerkschaft ist. Eine Gewerkschaft ist eine Gruppe von Arbeitern, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben. Diese Gewerkschaft kรคmpft meistens fรผr eine bestimmte Branche. Ihre Ziele sind hรถhere Lรถhne, die Verkรผrzung der Arbeitszeit oder die Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Denn stelle Dir diese Situation vor: Du bist ein kleiner Arbeitnehmer und Dein Chef verlangt von Dir plรถtzlich, fรผr die Hรคlfte zu arbeiten. Du kannst Dich natรผrlich wehren – aber Du hast nur eine kleine Stimme. Daher wird Dir in Verhandlungen nicht zugehรถrt. Wenn aber eine Gewerkschaft verhandelt, dann ist diese viel stรคrker als ein einzelner Arbeitnehmer. Daher schlieรŸen sich Menschen aus dem gleichen Berufszweig zusammen.

In Deutschland gibt es viele verschiedene Gewerkschaften. Man kann sie auch Interessensvertretung nennen, weil sie fรผr die Interessen der Arbeiter kรคmpfen. Es gibt acht besonders groรŸe Gewerkschaften. รœber ihnen steht der DGB, der Deutsche Gewerkschaftsbund. Man nennt den DGB eine Dachorganisation. Und jetzt kommen die acht groรŸen Gewerkschaften: IG Metall, Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, IG Bergbau, Chemie, Energie, IG Bauen-Agrar-Umwelt, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststรคtten, Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und die Gewerkschaft der Polizei. Du merkst schon, die meisten Berufe sind hier schon abgedeckt.

Die Gewerkschaften verhandeln oft mit den Arbeitgebern รผber so genannte Tarifvertrรคge. In solchen Vertrรคgen steht drin, dass fรผr die gesamte Branche einheitliche Lรถhne bezahlt werden. In die Verhandlungen darf sich der Staat nicht einmischen. Das geht nur die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer etwas an. Oft fรผhren die Verhandlungen zu einem Streik der Arbeitnehmer, wenn sie mit den angebotenen Bedingungen nicht einverstanden sind. Das kann ein Warnstreik sein, bei dem die Arbeitnehmer fรผr eine bestimmte Zeit die Arbeit niederlegen. Es kann aber auch lรคnger dauern. Gemerkt haben das viele, als zum Beispiel die Erzieher von Kindergรคrten gestreikt haben. Oder wenn mal wieder die Fluglotsen streiken und niemand in den Urlaub fliegen kann. So รคrgerlich das fรผr viele Menschen ist – es ist wichtig, dass die Angestellten sich durch einen Streik gegen schlechte Arbeitsbedingungen wehren kรถnnen.

Frรผher waren die deutschen Gewerkschaften รผbrigens wichtiger als heute. Immer weniger Menschen organisieren sich heute in Gewerkschaften. In den DGB-Gewerkschaften sind es noch rund 6 Millionen Arbeitnehmer. Entstanden sind die nationalen Gewerkschaften in Deutschland in den Jahren 1848/1849. Die รคlteste noch existierende Gewerkschaft ist die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivfรผhrer. Gewerkschaften sind aus den Arbeiterkรคmpfen der industriellen Revolution entstanden.

WeiรŸt Du, wie die Gewerkschaften sich finanzieren? Durch Mitgliedsbeitrรคge. Jedes Gewerkschaftsmitglied zahlt einen jรคhrlichen Mitgliedsbeitrag.

Kommen wir zum zweiten Thema dieser Episode: Dem Betriebsrat. Das ist nรคmlich auch eine gute Sache fรผr die Arbeitnehmer. Sobald ein Betrieb grรถรŸer ist als fรผnf stรคndige Mitarbeiter, darf er einen Betriebsrat wรคhlen. Dieser Betriebsrat ist dann sowas wie eine kleine Gewerkschaft fรผr den Betrieb. Der Betriebsrat verhandelt mit den Arbeitgebern und versucht, einen guten Weg fรผr die Arbeiter zu finden. Natรผrlich auch im Hinblick auf Tarifvertrรคge und Gewerkschaften. Der Betriebsrat wird fรผr vier Jahre gewรคhlt. Er bekommt dafรผr kein Geld. Der Chef darf den Betriebsrat nicht einfach kรผndigen – auch dafรผr gibt es Regelungen. Wenn ein Arbeiter gekรผndigt werden soll, muss der Betriebsrat davon erfahren. Er kann dieser Kรผndigung dann in wichtigen Fรคllen sogar widersprechen.

Betriebsrat und Gewerkschaft sollen den Arbeitnehmer stรคrken. Sie sollen fรผr ihn kรคmpfen und ihn unterstรผtzen. Durch diese Einrichtungen soll sozusagen ein Gleichgewicht hergestellt werden zwischen den Angestellten und ihren Chefs. Zumindest soll es beide Seiten nรคher zusammenbringen. Gewerkschaften und Betriebsrat sind aber grundsรคtzlich selbstรคndig und voneinander unabhรคngig. Im besten Fall helfen sie einander.

Ich habe in dieser Folge zwei Begriffe immer wieder durcheinandergeschmissen. Der Einfachheit halber. Und zwar die Wรถrter Arbeiter und Angestellte. Es gibt aber einen Unterschied. Ein Arbeiter verrichtet meistens kรถrperliche Arbeit. Handwerker gehรถren zu den Arbeitern. Angestellte sind dagegen meistens die Bรผromenschen, also Kaufmรคnner, Sekretรคrinnen und รคhnliches. Wรคhrend ein Arbeitgeber die Firma ist, fรผr die ich arbeite, bin ich der Arbeitnehmer. Er gibt mir die Arbeit, ich nehme sie. Das kannst Du Dir sicher gut merken.

Hier wird der Begriff Gewerkschaft in einem Video erklรคrt:

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg197kurz.pdf


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SG #194: Das deutsche Schulsystem (aktualisiert)

SG #194: Das deutsche Schulsystem (aktualisiert)

Das Schulsystem war bereits Thema in Slow German #025 vom 29. April 2008. Dies hier ist eine aktualisierte Folge.

In Deutschland gibt es eine Schulpflicht. Jedes Kind muss also eine Schule besuchen. Das so genannte Homeschooling, also den Unterricht zu Hause, gibt es nicht. Alle Jungen und Mรคdchen gehen in die Schule.
Mit sechs Jahren kommt ein Kind hier in die Schule. Das nennt man Einschulung. Manche Kinder kommen auch schon mit fรผnf Jahren in die Schule – oder erst mit sieben Jahren. Darรผber entscheidet entweder das Gesetz, oder die Eltern gemeinsam mit den Lehrern. Im Schuljahr 2016/2017 wurden 721.000 Kinder in Deutschland eingeschult. Insgesamt gingen in diesem Jahr 8,4 Millionen Kinder in die Schule. 9 Prozent der Kinder gehen in eine private Schule, der Rest in staatliche Schulen. Diese staatlichen Schulen kosten nichts. Sie werden durch Steuern finanziert.
Mindestens neun Jahre lang mรผssen alle Kinder in Deutschland in die Schule gehen. Wenn ein Kind nicht in der Schule erscheint, kann es passieren, dass die Polizei zu Hause auftaucht und das Kind abholt.
Die Schule ist nicht in jedem Bundesland gleich. Jedes Bundesland darf selber entscheiden, wie es die Kinder unterrichtet. Hier in Bayern zum Beispiel gibt es viel Religionsunterricht in der Grundschule. In der dritten und vierten Klasse sind es drei Stunden pro Woche. Die Lehrplรคne sind unterschiedlich. Ein Lehrplan ist ein aufgeschriebenes Dokument, an das sich alle Lehrer halten mรผssen. Hier steht geschrieben, was die Kinder in den verschiedenen Schuljahren lernen mรผssen. Schwierig ist es also fรผr Kinder, deren Eltern umziehen. Denn รผberall ist die Schule anders.

Und so funktioniert das Schulsystem: Die Kinder gehen zunรคchst in die Grundschule. Das Schuljahr beginnt nach den groรŸen Ferien im Sommer, also je nach Bundesland im Juli bis September. In den meisten Bundeslรคndern dauert die Grundschule vier Jahre lang – in manchen auch sechs Jahre lang.

Danach mรผssen die Eltern entscheiden, wie es fรผr das Kind weitergeht. Sind die Noten sehr gut? Oder eher nicht? Die Noten werden in Deutschland von 1 bis 6 vergeben. Eine eins ist die beste Note, eine sechs die schlechteste. In der vierten Klasse der Grundschule geht es also um den so genannten รœbertritt in eine weiterfรผhrende Schule. Es gibt die Hauptschule, Realschule, das Gymnasium und die Gesamtschulen.

Aber das ist nicht alles, denn auch die Art der Schulen ist wieder in jedem Bundesland anders. In Bayern gibt es zum Beispiel die Mittelschule, in Bremen die Oberschule, in Thรผringen die Regelschule. Kompliziert, oder?

Merkt Euch folgendes: Nach der Grundschule entscheiden die Noten des Kindes, wie es weitergeht. Es kann dann entweder einen Weg wรคhlen, der in Richtung eines handwerklichen Berufes fรผhrt, oder in Richtung eines akademischen Berufes.

Der schnellste Abschluss ist nach neun Jahren mรถglich. Danach kann der Teenager eine Berufsausbildung anfangen. Die hรถchste Form der weiterfรผhrenden Schulen ist das Gymnasium, das bis zur 12. oder 13. Klasse dauert und die Schรผler und Schรผlerinnen auf ein Studium an der Universitรคt vorbereiten soll. 44 Prozent der Kinder wollen auf das Gymnasium.

Im Gymnasium lernen die Kinder Fremdsprachen, Chemie, Physik und รคhnlich komplizierte Fรคcher. Der Schรผler oder die Schรผlerin spezialisiert sich immer mehr auf die eigenen Interessen. Die letzten zwei Jahre auf dem Gymnasium bezeichnet man als Kollegstufe. Hier hat man so genannte Leistungskurse und Grundkurse. Ich hatte zum Beispiel als Leistungskurse Deutsch und Englisch, jeweils 6 Stunden pro Woche. Fรคcher, die man รผberhaupt nicht mag, kann man abwรคhlen. Das heiรŸt, man muss sie nicht mehr machen. Das geht aber natรผrlich nur begrenzt. Ich hatte Glรผck und konnte Chemie abwรคhlen.

Wer das Gymnasium mit dem so genannten Abitur abschlieรŸt, darf an einer Universitรคt studieren. Das Abitur machen die deutschen Jugendlichen mit 18 oder 19 Jahren. Danach kรถnnen sie studieren. Das Abitur ist รผbrigens auch in jedem Bundesland unterschiedlich.
รœber das Schulsystem wird in Deutschland viel diskutiert. Kritisiert wird oft, dass die Kinder schon im Alter von zehn Jahren gezwungen werden, sich fรผr einen Schulweg zu entscheiden. Das sei viel zu frรผh, sagen Experten. Kritisiert wurde auch oft, dass das Gymnasium bis zur 13. Klasse dauert. Im Vergleich mit anderen europรคischen Lรคndern ist das zu lang. Daher wurde die Zeit um ein Jahr verkรผrzt – aber auch das brachte keinen Erfolg. Also wurde sie wieder verlรคngert. Es ist ein stรคndiges hin und her.

Die Kinder gehen รผbrigens in Deutschland meist nur am Vormittag in die Schule. Sie beginnt gegen acht Uhr morgens und endet um eins. Im Gymnasium kommt manchmal Nachmittagsunterricht dazu, also zwei Stunden Sport oder im hรถchsten Fall vier Stunden Unterricht. Selten gibt es in Deutschland Ganztagsschulen wie in anderen Lรคndern – aber das wird immer hรคufiger von den berufstรคtigen Eltern gefordert.
Es gibt nach der Schule verschiedene Mรถglichkeiten der Betreuung. Zum Beispiel eine Mittagsbetreuung, einen Hort oder ein Tagesheim. Dort bekommen die Kinder Essen und sie kรถnnen ihre Hausaufgaben machen.

Die Sommerferien dauern sechs Wochen lang. Dazu gibt es je nach Bundesland noch weitere Ferien. Hier in Bayern zum Beispiel eine Woche Herbstferien, zwei Wochen Weihnachtsferien, zwei Wochen Osterferien und zwei Wochen Pfingstferien. Ganz schรถn viel, oder?

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg194kurz.pdf

Hier gibt es eine Aufstellung darรผber, wie das Schulsystem in den einzelnen Bundeslรคndern geregelt ist: https://www.bildungsxperten.net/wissen/das-schulsystem-in-deutschland-funktionen-und-aufgaben/.

SG #192: Online-Shopping

SG #192: Online-Shopping

Vor elf Jahren habe ich eine Slow German-Episode รผber das Einkaufen aufgenommen. Heute erzรคhle ich Dir etwas รผber das Online-Shopping in Deutschland. Denn es wird immer wichtiger fรผr die Deutschen, sich etwas im Internet zu bestellen. Entschuldige bitte, dass ich diesen Anglizismus verwende, aber er hat sich in der deutschen Sprache lรคngst fรผr das Einkaufen im Internet eingebรผrgert.

Ungefรคhr 50 Millionen Menschen in Deutschland sind Online-Kรคufer. Besonders oft kaufen sie Schuhe und Kleidung. Was nicht passt, wird einfach wieder zurรผckgeschickt. Aber auch Mรถbel, Spielzeug und andere Dinge werden gerne per Online-Shopping bestellt. Wer bald in den Urlaub fรคhrt, der bucht gerne sein Hotel oder den Flug im Internet, nachdem er die Preise verglichen und den gรผnstigsten Anbieter gefunden hat. Und auch fรผr Eintrittskarten wird online viel Geld ausgegeben.

Vor allem wenn der Winter kommt und das Weihnachtsfest vor der Tรผr steht, sind die Lieferungen praktisch. Am Abend auf der Couch bestelle ich kurz die Geschenke, ein paar Tage spรคter stehen sie bei mir vor der Tรผr. Das ist das Online-Shopping-Wunder. Allerdings genieรŸen es auch viele Menschen, einen entspannten Einkaufsbummel in der FuรŸgรคngerzone zu machen. Dort kann man sich besser als im Internet inspirieren lassen, wenn man eigentlich noch keine Idee fรผr ein Geschenk hat. Und gemeinsam einen Shopping-Bummel zu machen macht auch mehr SpaรŸ als alleine am Computer zu sitzen, oder?

Mir selber ist aufgefallen, dass es immer schwieriger wird, etwas zu verschenken. Frรผher habe ich oft Musik verschenkt, also CDs. Oder auch DVDs von guten Filmen. Heute haben meine Freunde aber ein Spotify- oder Netflix-Abo, da fallen diese Art von Geschenken komplett weg.

Auch wenn viele Lรคden anbieten, Lebensmittel nach Hause zu liefern, gehen die Deutschen aber nach wie vor lieber selber in den Supermarkt, um ihr Essen einzukaufen. Ich selber lasse mir einmal pro Woche viele Lebensmittel รผber die sogenannte ร–kokiste liefern. Das ist ein Lieferdienst fรผr regionale und รถkologisch angebaute Produkte. Sie werden mir in groรŸen Plastikkisten ohne Verpackung geliefert und in der nรคchsten Woche werden die leeren Kisten wieder mitgenommen. Fรผr Milchprodukte gibt es eine extra Kรผhlkiste mit Styropor, damit alles frisch bleibt. Ich finde das sehr praktisch. Den Rest der Lebensmittel kaufe ich im Supermarkt.

Das Online-Shopping ist sehr bequem, aber viele Menschen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie online einkaufen. Denn da sind zum Beispiel die Fahrer und Fahrerinnen, die das Paket zu mir bringen mรผssen und dafรผr sehr schlecht bezahlt werden. Dann schade ich durch den Einkauf den kleinen Lรคden in meiner Nรคhe, die dadurch Verluste haben. Ich verursache Verpackungsmรผll. Und vor allem sind riesige Online-Shops wie Amazon fast schon รผbermรคchtig, weil man bei ihnen alles auf einen Klick bekommt. Die Registrierung wird immer einfacher, das Bestellen immer schneller. Aber die Mitarbeiter werden oft nicht gut behandelt. Deswegen versuche ich, bei kleinen Online-Shops zu kaufen. Auch wenn das lรคnger dauert und oft teurer ist. Und ich lasse mir keine Ware aus China oder anderen entfernten Lรคndern schicken. Sonst haben wir wieder ein Problem mit dem Umweltschutzโ€ฆ

Unschlagbar ist der Verkauf im Internet, weil es dort einfach alles gibt. Mir ist es schon oft passiert, dass ich im Laden etwas bestimmtes kaufen wollte und es dort einfach nicht gefunden habe. Ein paar Klicks im Internet und ich hatte es bestellt. Genauso mit HosengrรถรŸen, bestimmten Sammlerobjekten oder grรถรŸeren Mengen von Dingen. Ich lese auch gerne Bewertungen von Produkten, auch wenn ich weiรŸ, dass diese manchmal nicht echt sind. Was es im Internet aber eben nicht gibt, das sind echte Menschen, mit denen ich sprechen kann. Wenn ich zum Beispiel ein Buch kaufen mรถchte, dann finde ich es toll, wenn mich eine Buchhรคndlerin oder ein Buchhรคndler mit einem Buch รผberrascht, auf das ich selber nie gekommen wรคre, weil der Algorithmus im Internet nie gedacht hรคtte, dass es zu mir passt.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg192kurz.pdf

SG #185: Alexander von Humboldt

SG #185: Alexander von Humboldt

Ich war vor kurzem in Berlin. Dort fiel mir auf, dass รผberall der Name โ€žHumboldtโ€œ auftaucht. Es gibt die Humboldt-Universitรคt, das Humboldt Forum, ein Humboldt-Denkmal und natรผrlich auch eine Humboldt-StraรŸe. Wer steckt hinter diesem Namen? Es ist ein Herr namens Alexander von Humboldt, der in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag feiert und ein deutscher Naturforscher war.

Ich erzรคhle dir etwas von seinem Leben. Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt wurde am 14. September 1769 in Berlin geboren. Er hatte einen zwei Jahre รคlteren Bruder namens Wilhelm. Sie lebten auf einem Schloss und waren adelig.

Alexander beschรคftigte sich als Kind gerne mit Insekten, Steinen und Pflanzen. Er zeichnete gerne. Beide Brรผder landeten nach einigen Umwegen in Gรถttingen, um dort zu studieren. Alexander studierte Staatswirtschaft, besuchte Vorlesungen in Physik, Medizin und anderen Fรคchern. Dann wurde er Bergwerks-Experte.

1799 folgte die erste Forschungsreise, und zwar nach England und zurรผck รผber Paris. Als die Mutter starb, erbten die Sรถhne genug um finanziell unabhรคngig zu sein. Alexander wollte reisen und forschen. Er ging nach Paris und spรคter nach Spanien – und dann bekam er die Chance mit einem Botaniker zusammen fรผnf Jahre lang durch Sรผd- und Mittelamerika zu reisen.

Unterwegs sammelten sie unzรคhlige Daten und Proben. Alexander interessierte sich eigentlich fรผr alles. Fรผr Vulkane und Landkarten, Magnetismus und Botanik, Zoologie und Ethnologie, Wirtschaft und Bergbau bis Meteorologie und Meereskunde. Er war das, was wir heute ein Universalgenie nennen. Er wollte verstehen, wie alle Dinge zusammenhรคngen. Deswegen schrieb er auch lange an seinem Lebenswerk, dem โ€žKosmosโ€œ, in dem er das gesamte Wissen der Welt aufschreiben wollte.

Nach der groรŸen Amerika-Reise schrieb er ein mehr als 30-bรคndiges Werk รผber seine Erlebnisse. Seine zweite groรŸe Expedition brachte ihn nach Russland, da war er aber schon 60 Jahre alt.

Der Forscher war durchaus ein politischer Mensch. Er kritisierte die Sklaverei. Er war fรผr die Gleichheit aller Menschen. Ihm waren die Menschenrechte wichtig. Wilhelm und Alexander lernten รผbrigens Goethe und Schiller kennen – nur damit du dir vorstellen kannst, zu welcher Zeit sie lebten. Alexander starb am 6. Mai 1859, er wurde also 89 Jahre alt.

Heute ist der Name Humboldt รผberall zu finden. Eine Pinguinart wurde nach ihm benannt, ein Kaktus, ein Segelschiff, ein Berg, ein Fluss, eine Bucht, viele Schulen, ein Gletscher, ein Nationalpark, zwei Asteroiden, ein Mondkrater, ein Schnellzug und noch viele andere Dinge.

Es gibt zwei Bรผcher, die ich dir zum Thema empfehlen kann. Das eine ist 2005 erschienen. Der Autor ist Daniel Kehlmann. Der Roman heiรŸt โ€žDie Vermessung der Weltโ€œ. Darin hat Daniel Kehlmann Humboldt und den Mathematiker Carl Friedrich GauรŸ zusammengebracht. Es war lange ein Bestseller. Ebenso ein Bestseller ist โ€žAlexander von Humboldt und die Erfindung der Naturโ€œ von Andrea Wulf. In diesem Buch wird gezeigt, dass der groรŸe Naturforscher ein ganz neues Denken propagierte – und die Natur in den Mittelpunkt stellte.

Es gibt รผbrigens einen interessanten Humboldt-Twitter-Account: @AvHChrono.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg185kurz.pdf

SG #181: Die deutsche Sprache – Geschichte der Sprache

SG #181: Die deutsche Sprache – Geschichte der Sprache

Mehr als 100 Millionen Menschen sprechen die deutsche Sprache. Vor allem in Deutschland, ร–sterreich, Schweiz und Liechtenstein. Aber auch in Teilen von Belgien, Luxemburg, Dรคnemark und Italien wird deutsch gesprochen. Aber wie ist diese Sprache eigentlich entstanden?

Reisen wir also in die Vergangenheit. Sprachforscher haben herausgefunden, dass viele Sprachen in Europa und Asien einen gemeinsamen Ursprung haben. Sie nannten diese Sprachen deswegen indogermanische Sprachen. Dazu gehรถrte auch die ursprรผngliche Sprache, die im heutigen Deutschland gesprochen wurde. Die verschiedenen Sprachen entwickelten sich natรผrlich immer weiter. Aber das dauerte sehr lange. Man schรคtzt, dass es sogar ein bis zwei Jahrtausende dauerte, bis sich die germanische Sprache aus dem Indogermanischen entwickelte.

Wir mรผssen uns das alles aber so vorstellen: Die Welt war damals รผberhaupt nicht dicht besiedelt. Es lebte hier ein Grรผppchen Menschen, dann kam lange nichts, also nur Wiesen und Wรคlder, und dann viele Kilometer entfernt lebte wieder ein Grรผppchen Menschen. Die verschiedenen Vรถlker und Stรคmme blieben also unter sich. Sie vermischten sich nicht. Sie trafen sich so gut wie nie. Es wurde natรผrlich wenig gereist. Wenn man doch reiste, dann zu FuรŸ – und nicht besonders weit. Wozu auch? Die Menschen hatten in dieser Zeit wenig Grรผnde, zu reisen. Jeder germanische Stamm sprach daher seine eigene Stammessprache. Sie hatte sich รผber Jahrhunderte entwickelt und verรคndert. Die Sprache hatte auรŸerdem damals keine festgelegten Regeln wie heute.

Doch dann รคnderten sich die Zeiten. Und immer wenn sich die Geschichte รคnderte, sich also das Leben der Menschen merklich verรคnderte, รคnderte sich natรผrlich auch die Sprache. Es gab zum Beispiel Vรถlkerwanderungen, die Menschen legten jetzt groรŸe Strecken zurรผck – und sie nahmen ihre Sprache natรผrlich mit auf die Reise. Dann gab es noch andere Einflรผsse fรผr jede Sprache – zum Beispiel kamen die Rรถmer in das Gebiet, das heute Deutschland ist. Also รผbernahmen die Germanen viele lateinische Wรถrter von ihnen.

Nach dem Zerfall des Rรถmischen Reiches wurde alles wieder anders. Die germanischen Stรคmme wurden christianisiert. Die christliche Kirche hatte danach einen groรŸen Einfluss auf die Menschen. Die gemeinsame Volkssprache wurde wichtiger, damit man sich auch verstรคndigen konnte. Also wurde aus vielen kleinen Sprachen in einer Region sozusagen eine grรถรŸere Sprache, genannt Dialekt.

Und jetzt sind wir auch schon in der Zeit, in der das Wort „deutsch“ zum ersten Mal geschrieben auftaucht. Im Jahr 786 ist es soweit. Die รคlteste schriftlich รผberlieferte Sprachform des Deutschen nennt man Althochdeutsch. Es wurde zwischen 750 und 1050 verwendet. Wir wรผrden heute nichts davon verstehen, es war eine komplett andere Sprache. Und Ihr als Deutschlernende werdet Euch wahrscheinlich รคrgern, dass es das Althochdeutsche jemals gab. Denn in dieser Zeit erschienen plรถtzlich die Artikel, die es vorher noch nicht gegeben hatte. Deswegen mรผsst Ihr Euch heute also mit „der“, „die“ und „das“ herumรคrgern. Auch das System der Zeiten hatte sich geรคndert, die Grammatik wurde insgesamt etwas komplizierter.

In der Sprachgeschichte wird oft das Wort „Lautverschiebung“ verwendet. Das ist recht kompliziert, und wir mรผssen hier nicht lange darauf eingehen. Es bedeutet aber letztlich, dass sich die Aussprache stark verรคndert hat und bestimmte Buchstaben anders ausgesprochen wurden als vorher. So klang die Sprache nach der Lautverschiebung vรถllig anders. Gegenden, in denen die Lautverschiebung nicht stattfand, sprachen weiter so wie vorher. Und so entwickelten sich verschiedene Sprachgruppen voneinander weg. Deswegen kรถnnen wir hier in Deutschland heute die Niederlรคnder nicht wirklich verstehen – obwohl die Sprachen den gleichen Ursprung hatten.

Von 1050 bis 1350 gab es dann im Mittelalter das Mittelhochdeutsch. Es wurde in dieser Zeit auch immer mehr geschrieben und nicht nur gesprochen, allerdings schrieben die Menschen in vielen verschiedenen Varianten. Und weil Frankreich viel Einfluss hatte, รผbernahmen die Menschen damals auch viele franzรถsische Wรถrter in ihren Sprachgebrauch. In dieser Zeit entstand รผbrigens auch das Nibelungenlied, รผber das es eine eigene Podcast-Episode gibt.

Text / Foto: Larissa Vassilian

Langsam kommen wir zur Entwicklung der heutigen deutschen Sprache. Man nennt die Anfรคnge davon „Frรผhneuhochdeutsch“. Schwieriges Wort, oder? Diese Phase dauerte von 1350 bis 1650. Der Handel war sehr wichtig in dieser Zeit, und das bedeutete, dass Kaufleute aus verschiedenen Regionen miteinander kommunizieren mussten. Dialekte waren schwer zu verstehen, also versuchte man, eine gemeinsame deutsche Sprache zu finden. Es gab auch die ersten Universitรคten, Kultur und Bildung wurden wichtiger.

Und dann passierte etwas sehr entscheidendes fรผr die deutsche Sprache: 1446 erfand Johannes Gutenberg den Buchdruck. Bรผcher mussten also nicht lรคnger per Hand abgeschrieben werden – man konnte sie drucken. Sie wurden dadurch billiger und es gab viel mehr davon. Viele Bรผcher wurden zu dieser Zeit noch in Latein gedruckt, aber langsam setzte sich auch hier die deutsche Sprache durch. Langsam versuchten die Menschen dann noch Regeln fรผr ihre Sprache aufzustellen. Zum Beispiel dass alle Substantive groรŸ geschrieben werden sollten. Es dauerte lange, um solche Regeln durchzusetzen. Martin Luther รผbersetzte die Bibel in die deutsche Sprache und sorgte damit dafรผr, dass viele Wรถrter und Redewendungen verbreitet wurden.

Erst von 1650 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts entstand eine wirklich einheitliche deutsche Literatursprache. Danach gab es dann auch eine moderne Sprachwissenschaft. Zu den bekanntesten Sprachwissenschaftlern dieser Zeit gehรถren die Gebrรผder Grimm, die Ihr durch die Mรคrchen kennt. Sie schrieben nรคmlich 1854 das „Deutsche Wรถrterbuch“.

Bis vor knapp 100 Jahren gab es allerdings noch keine einheitliche Rechtschreibung. Jeder konnte Wรถrter also so schreiben, wie er es fรผr richtig hielt. 1880 versuchte Konrad Duden das zu รคndern – und er schaffte es. Bis heute sind die gelben Duden-Bรผcher weit verbreitet.

Und heute? Heute werden in verschiedenen Regionen Deutschlands unterschiedliche Dialekte gesprochen. Allerdings gibt es viele Menschen, die gar keine Dialekte mehr beherrschen. Die gemeinsame Sprache nennt sich Standardsprache oder auch Hochdeutsch. So wird beispielsweise im Fernsehen oder Radio gesprochen und das versteht auch jeder Deutsche. So ist auch dieser Podcast verfasst.

Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg181kurz.pdf

SG #173: Der Duden

SG #173: Der Duden

Auf vielen deutschen Schreibtischen steht ein dickes, gelbes Buch. Es ist der Duden. Das ist ein Rechtschreibwรถrterbuch. Wenn ich also nicht weiรŸ, wie ich ein Wort richtig schreibe, kann ich hier nachsehen.

Duden / Foto: Larissa Vassilian

1880 wurde das erste dieser Wรถrterbรผcher verรถffentlicht. Sein Erfinder war Konrad Duden. Auf 187 Seiten standen 27.000 Stichwรถrter. Warum war so ein Buch wichtig? Damals schrieb jeder so, wie er wollte. Dadurch wurde es ganz schรถn schwer, manche Dinge zu lesen. Eine Vereinheitlichung musste her. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es im geteilten Deutschland auch zwei Bรผcher: Den Ostduden und den Westduden. Die Schreibweise der Wรถrter war zwar gleich, aber der Wortschatz war ein anderer.

1955 wurde beschlossen, dass die Rechtschreibung aus dem Duden verbindlich ist – sie war also die richtige Rechtschreibung, an die sich von nun an alle halten sollten. Man nannte das auch das Dudenmonopol – das Buch hatte also ein Monopol darauf, die Rechtschreibung zu regeln.

Das ist heute nicht mehr so – 1996 gab es nรคmlich in Deutschland eine groรŸe Rechtschreibreform. Vieles wurde geรคndert. Das Monopol gibt es seitdem nicht mehr. An Wรถrterbรผchern kann jeder sofort erkennen, dass sich die deutsche Sprache stรคndig verรคndert. Es kommen neue Wรถrter hinzu, andere werden nicht mehr verwendet und verschwinden dann auch aus dem Wรถrterbuch.

Duden / Foto: Larissa Vassilian

Im August 2017 erschien die aktuelle Ausgabe. 145.000 Stichwรถrter sind darin zu finden. 5000 neue Wรถrter wurden aufgenommen, zum Beispiel โ€žBrexitโ€œ oder โ€žFlรผchtlingskriseโ€œ. Aber auch Anglizismen wie โ€žFake Newsโ€œ oder โ€žSelfieโ€œ stehen jetzt im Duden. Das lรคngste deutsche Wort ist laut Duden das Wort โ€žAufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitรคtsstรถrungโ€œ, also ADHS.

Die Redaktion betont, dass sie die Sprache beobachtet und dann im Buch abbildet. Sie achtet also darauf, wie wir alle sprechen – und genau diese Wรถrter werden wir dann auch im Wรถrterbuch finden.

Mittlerweile gibt es den Duden natรผrlich auch online – Ihr kรถnnt ihn gerne mal testen! Die Adresse lautet duden.de.

Falls Ihr das Buch kaufen wollt wรผrde ich mich freuen, wenn Ihr es รผber diesen Link tut – dann bekomme ich etwas davon ab (Affiliate-Link):
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Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg173kurz.pdf